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Anne Franks Familiengeschichte: Die Autorin Mirjam Pressler liest aus ihrem neuen Buch

Auf einem Basler Dachboden fand sich viel Material zum Buch. Die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler las am Dienstagabend in der Reutlinger Stadtbibliothek aus Anne Franks Familiengeschichte.

KATHRIN KIPP | 0 Meinungen

Das Material zum Buch wurde vor einigen Jahren auf dem Dachboden der Basler Herbstgasse gefunden, wo einst die halbe Familie wohnte: Briefe, Fotos, Postkarten und Tagebücher der Familie Frank aus 200 Jahren. In diesem Haus lebt heute noch Anne Franks Cousin Buddy Elias mit seiner Frau Gerti.

"Der Dachboden ist rappelvoll mit Kisten und Kommoden", erzählt Mirjam Pressler bei ihrer Lesung. Die Anne-Frank-Biografin und Tagebuch-Übersetzerin wurde gebeten, aus dem Material die Geschichte der Familie zusammenzuschreiben. Aber "ich habe erst einmal abgesagt", erzählt die Autorin, die selbst Tochter einer jüdischen Mutter ist. 1940 wurde sie in Darmstadt geboren, aufgewachsen ist sie bei einer Pflegefamilie. Hunderte von Briefen nur aneinanderzureihen, erschien ihr literarisch als doch etwas "zu langweilig".

Nachdem sie aber das Material gesichtet und vor allem das Kinder-Foto der energischen Großmutter Alice Frank gesehen hat, entschied sie sich doch für die Puzzlearbeit. Und so wurde "Grüße und Küsse an alle" zu einer exemplarischen Familienchronik. Sie erzählt nicht nur 200 Jahre Zeit- und Alltagsgeschichte, sondern auch, wie die jüdische Familie von den Nazis in ganz Europa versprengt wurde.

Mirjam Pressler hat mit Buddy und Gerti Elias (Buddy Elias wurde später Eiskunstläufer und Schauspieler) viele Gespräche geführt, die gemeinsam mit den Briefen und Tagebüchern in die dokumentarische Geschichte eingeflossen sind. In der Stadtbibliothek erzählt und liest Mirjam Pressler sehr spannend aus ihrem durch viele Brief-Zitate sehr lebensechten und später umso tragischeren Buch. Anne Franks anfangs noch sehr wohlhabenden Großeltern Alice und Michael lebten mit ihren Kindern in Frankfurt. Die Großeltern reisten sehr viel, und wenn nicht gerade sowieso alle in einem Haus wohnten, wurden sehr viele Briefe geschrieben, und alle über alles informiert.

Schon im Kindesalter wird fleißig Alltag dokumentiert. Somit ist Anne Frank nicht die einzige, die später Tagebuch schreibt. Auch charakterlich ähneln sich die Familienmitglieder. Bereits ein Großonkel von Anne Frank (der später zum ersten nichtgetauften jüdischen Professor in Deutschland wird), schreibt als Kind, dass er von Tag zu Tag ein besserer Mensch werden möchte, indem er sich die Fehler des Vortags notiert. Wie später Anne Frank hofft auch er, mit seinem Leben anderen nützlich sein zu können. Nach Hitlers Machtergreifung entschließen sich die Franks, auszuwandern: Alice zieht nach Basel, ihre Söhne gehen nach London, Paris und Amsterdam, wo sich Anne Franks Familienmitglieder später im Hinterhaus der eigenen Firma verstecken müssen. 1944 werden sie denunziert und nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert.

Mirjam Pressler rekonstruiert die einzelnen Schicksale aus den Briefen, die erst nach dem Krieg wieder ihre Adressaten erreichen: Kurz nach Kriegsende wartet die Rest-Familie in Basel auf Lebenszeichen der Kinder und Enkel - eine quälende Zeit. Irgendwann kommt tatsächlich ein Telegramm von Otto. Er hat das KZ wie durch ein Wunder überlebt und schreibt, wie das Erschießungskommando schon bereitstand, als die SS plötzlich vor den Russen fliehen muss. Ottos Frau Edith stirbt im Januar 1945 an Unterernährung. Von seinen Kindern weiß Otto nichts, deshalb geht er in Amsterdam jeden Tag zum Bahnhof, wo die Überlebenden ankommen. Später muss er erfahren, dass Anne und Margot in Bergen-Belsen kurz vor der Befreiung an Typhus gestorben sind. Somit erzählt das Buch Anne Franks Geschichte aus einer anderen Perspektive. Nachdem die Nazis das Amsterdamer Versteck geplündert hatten, ließen sie Annes Tagebuch auf dem Boden liegen. Otto wird es später publizieren, so wie sich die ganze Familie gegen das Vergessen engagiert.

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