Am Anfang ein Knall
Reutlingen. Feinbesaitete Drahtseilakte: Das Konzert des Harfe-Gitarre-Duos Mirjam Schröder und Maximilian Mangold bot in der Reutlinger Reihe Musica Nova viel Unerwartetes und animierte zum Hinhören.
Es war der erstaunte "Oh!"-Ausruf einer Zuhörerin, der den allerersten Akkord des Duos Mirjam Schröder (Harfe) und Maximilian Mangold (Gitarre) begleitete wie ein Fanfarenstoß: Die beiden Künstler hatten zu Beginn von Alois Bröders Stück "Rondes" (2007) einen eruptiven Knall in den Raum gesandt - so etwas war wohl nicht unbedingt zu erwarten gewesen von zwei feinbesaiteten Instrumenten!
Was sich in der spontanen Äußerung der Konzertbesucherin Luft verschaffte, war die berechtigte Reaktion auf dieses Überraschende und Unerwartete, das Schröder und Mangold an diesem Abend immer wieder wirkungsvoll in Szene zu setzen wussten. Denn tatsächlich ist es eine wahrhaft extraordinäre Besetzung, mit der die beiden Musiker seit zwei Jahren neue Klangwelten entdecken wollen. Das empfindsame 18. Jahrhundert liebte zwar den Klang der Gitarre, liebte den Klang der Harfe - doch stets getrennt voneinander und am liebsten im sanften Duettieren mit einem amourösen Blasinstrument wie der Flöte oder dem Horn.
Wie ungewöhnlich der Zusammenschluss von Harfe und Gitarre ist, bewies denn auch das Konzertprogramm dieser Tage im Spendhaus: Fast alle Werke waren Auftragskompositionen der beiden Musiker und ihnen gewidmet; das älteste von 2003, das neueste von 2009. Verblüffend dabei, dass die Komponisten heutzutage noch immer gerne jenes idyllische Bild aufrufen, in dem die Instrumente einst ihren Ort hatten: das intime Interieur, die naturhafte Stimmung.
Gleichwohl war zu hören, dass diese Bilder ohne einkomponierte Brechungen, Brüche und Wunden heute kaum mehr Existenzberechtigung zu haben scheinen. Alois Bröder gestaltet mit Tontupfern und leisen Glissandi der Harfe immer wieder feine, zauberische Klangwelten, die über einem amorphen Grund der Gitarre für Aufsehen sorgen: Klangimaginationen auf freiem Feld mit eruptiven, expressiven Entladungen. Auch Jörg-Peter Mittmann hat mit "Laura serena" (2008) ein träumerisch verschlungenes, in Klängen alter Schönheit schwelgendes Stimmungsstück geschrieben - freilich auch hier mit Ausfransungen und Verletzungen. Die sich ins Ekstatische steigernden, Richtung Abgrund taumelnden Klangvisionen indes wirkten mehr gewollt als natürlich gegeben.
Mit zwei Sätzen aus Hans Werner Henzes "Royal Winter Music" (1976) präsentierte sich Maximilian Mangold auch solistisch, dies jedoch mitunter allzu kraftvoll und zupackend: Gerade jener dem Luftgeist Ariel aus Shakespeares "Sturm" gewidmete Satz hätte eine sorgfältigere Entfaltung von Atmosphäre und verhaltener Farbenfülle verdient; während Mirjam Schröder mit ihrem Solostück - einer an Hermann Hesses "Siddhartha" angelehnten naturimpressionistischen Meditation Toshio Hosokawas - alle ihre Fähigkeiten subtil zur Geltung bringen konnte und mit vehementer Ausdruckskraft überzeugte.
Dass die von Natur aus leuchtendere, resonanzreichere Harfe die Gitarre mit ihrem gedeckteren, dunkel-introvertierten Klangcharakter nicht überflügeln muss, bewiesen die Werke der Mannheimer Komponisten Ulrich Leyendecker und René Mense wohl am eindrucksvollsten. Hier, in Leyendeckers "Mitternachtsmusik" (2008), wie dort, in Menses "Sonate" (2009), erstaunte der klangliche Verschmelzungsgrad der Instrumente, die nicht selten den Eindruck eines einzigen, großen, vibrierenden Körpers evozierten. Besonders in Menses zweitem und spukhaftem dritten Satz zeigten sich die Künstler als suggestive Klangbeschwörer, als Erzähler geheim-abstrakter Töne-Welten, als souveräne Beherrscher feinnerviger Drahtseilakte. Großer Applaus.
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Autor: RAFAEL RENNICKE | 24.02.2010
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