75-Tonner muss weiter aufrüsten

Der Andrang war riesig. Mit der Lok 97 501 ging’s nach Betzingen und retour. Doch den Koloss müssen die Bahn-Enthusiasten nun für 40 000 Euro aufrüsten.

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Das altehrwürdige Dampfross schnaubt, versprüht einen kleinen Wassernebel auf die Umstehenden, dann kann die Fahrt beginnen. Einmal Betzingen und zurück hatten die „Freunde der Zahnradbahn Honau-Lichtenstein“ dieser Tage für die Besucher ihrer sommerlichen Hockete im Angebot. Und die erfuhren bei Schweinsbraten in sämiger Soße und Pommes Frites auch, dass es noch eine Menge zu tun gibt, bis die Zahnraddampflokomotive 97 501 endlich auf allen Gleisen eingesetzt werden darf.

Die wichtigste Nachricht für Bewunderer historischer Eisenbahnen, die es diese Woche noch nicht zum Hock geschafft hatten, kam gleich zu Beginn des Treffens von Michael Ulbricht. Der Sprecher des Vereins gab bekannt, dass am kommenden Dienstag, 6. September, der Hock an der Tübinger Straße (nahe Reiff) wiederholt wird. Bewirteter Beginn ist so gegen 17.30 Uhr. Ab 18 Uhr dann fährt die altehrwürdige Dampflok wieder nach Betzingen und zurück.

„Ach, wenn wir nur schon die ‚PZB 90’ hätten“: Selbst eingefleischte Schienenverkehrs-Nostalgiker verstanden da nur noch „Bahnhof“. Doch das Flehen von Manfred Krüger, der schon seit Jahrzehnten ehrenamtlich in der Werkstatt des Vereins Hand anlegt, übersetzte dieser sogleich – zusammen mit seinem Vereinskameraden Michael Staiger.

Besagte „PZB 90“ ist mit das wichtigste Sicherheitsdetail, um alte Lokomotiven wieder „gesellschaftsfähig“ zu machen. Sprich: Ohne eine geprüfte und vom Eisenbahn-Bundesamt abgenommene „punktförmige Zugbeeinflussung“ darf die 97 501er-Lokomotive nicht auf Gleisstrecken verkehren, die in beide Richtungen befahren werden.

Das schränkt den Radius des 75 Tonnen schweren Dampfrosses gewaltig ein. Denn wenn einmal wieder ein Gastspiel dieser atemberaumend schönen Dampflokomtive ansteht, muss erst ein „Schleppfahrzeug“ besorgt werden.

Um aus eigener Kraft zu Einsatzorten wie der „Schwäbischen Wald-Bahn“ (2014) oder ins Wutschtal (2015) fahren zu dürfen, bedarf es einer elektronischen „Zugsicherungsanlage“, die automatisch verhindert, „dass die Lok zu schnell oder gar an einer Ampel vorbeifährt“, weiß Krüger.

Für Michael Staiger, der bundesweit in Internetforen und Fachpublikationen fachkundig über Wohl und Wehe der 97 501 berichtet, ist der Fall klar: Wegen der Seitenabweichung eines Magneten von 35 Millimetern „erfüllen wir die Kriterien noch nicht.“ Mit allem Drum und Dran wären für eine „PZB 90“ rund 40 000 Euro fällig.

Das Sicherheitsfeature, das man auch für Zwangsbremsungen braucht, ist sowohl für die Deutsche Bahn AG und die Privatbahnen Pflicht. In der Lok der Reutlinger ist diese Anlage zwar vorhanden, bekommt aber noch kein Okay.

Seit 1985 ist Michael Staiger bei den Zahnradbahnfreunden. Damals kam auch die 1922 in Esslingen gebaute 97 501 ins Werkstatt-Domizil am Gleis nahe des Reutlinger Westbahnhofs. Seit einem Vierteljahrhundert wird an ihr mit viel Liebe und Sorgfalt gearbeitet. „Rund 15 Leute sind derzeit mit der Lok beschäftigt“, so Staiger.

Und wird das gute Stück einmal für Museumsfahrten verliehen, reisen die Reutlinger um ihren Vorsitzenden Ralf Stoll und seinen Vize Mario Dürr natürlich immer mit vor Ort. Dürr war am Dienstag wieder als Heizer aktiv, Thomas Schenkel, ein gelernter Lokführer, gab „Volldampf“.

Auf dem Weg in den westlichen Stadtbezirk fährt die Bahn über das Gelände der Stadtwerke. Dort treffen Bahn-Enthusiasten auf drei historische Tramwagen. Sie erinnern an eine Zeit, als der Schienenverkehr nicht nur pure ökonomische Notwendigkeit war – mit den Fahrten der Arbeiter in die Fabriken.

Vielmehr war es auch der Beginn einer Epoche, die ein mehr an Freiheit und Freizeit bedeutete. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts mussten die Menschen vielerorts nicht mehr zu Fuß lange und beschwerliche Wege gehen.

Die Freunde der Zahnradbahn Lichtenstein-Honau setzen sich heute für den baldigen Bau der Regionalstadtbahn ein. Dies immer mit der Vision und in der Hoffnung, dass irgendwann auch wieder eine Zahnradbahn von Honau auf die Schwäbische Alb kraxeln könnte.

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