50-Jahre Jazzclub "In der Mitte": Hier zählt der Spirit

Der Jazzclub "In der Mitte" feiert 2012 seinen Fünfzigsten - und jetzt erschien dazu das große, 250-seitige Jubiläumsbuch.

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Im "Mitte"-Jazzkeller 1962. Foto: pr

Der Jazzclub "In der Mitte" feiert 2012 seinen Fünfzigsten - und jetzt erschien dazu das große, 250-seitige Jubiläumsbuch. Am Freitagabend wurde es in der Stadtbibliothek präsentiert: standesgemäß mit Reden, Anekdoten und - Jazz, live geswingt von Dagmar Delingat und tapferen Jazzclub-Veteranen wie Clemens Wittel (Piano).

In den 50ern, da war Jazz bei vielen Älteren noch als "baise Katzamusik" verschrieen. Doch eine junge Generation fand sich genau in dieser Musik wieder. Warum? Weil sie rhythmisch alle Ketten sprengte. Weil sie spielerische Freiheit eröffnete. Und weil sie nicht nur die Seele, sondern den ganzen Körper erfasste.

"Dschääs" - oft mit langem, genussvoll gedehntem "ä": So hieß dieses Phänomen damals, die Musik der unterdrückten schwarzen Minderheit in USA. Doch hierzulande bevorzugten viele die nichtenglische Aussprachevariante "Jatz" - weils einfach neutraler klang und nicht so demonstrativ. Und Jazz, das war die Musik der jungen Leute, die sich nicht so glatt einfügen wollten in die Wirtschaftswunder-Ära, deren Kehrseite die Verdrängung all dessen war, was mit Krieg, NS-Terror und Holocaust zu tun hatte.

Jazz gabs hier in der Region auch schon vor der Gründung des Jazzclubs "In der Mitte" 1962. Etwa 1954, als Caterina Valente mit Kurt Edelhagen in der Listhalle auftrat, oder 1961, als John Coltrane und Dizzy Gillespie vor 2000 Zuhörern in der Stuttgarter Liederhalle spielten. Oder 1955, als der 17-jährige Reutlinger Klaus Schneider in der Listhalle den Two Beat Stompers lauschte und von diesem Augenblick an wusste: "Diese Musik wird meine Musik."

Im Jahr 1962 wurde der Studenten-Club Reutlingen (SCR) "In der Mitte" gegründet - geduldet von OB Oskar Kalbfell unter der Bedingung, dass der Club neben Jazzkonzerten und kostendeckendem Bierausschank auch regelmäßig Vorträge zu "politischen, sozialen und geistigen Problemen" anbietet, wie es hieß. Warum "In der Mitte"? Ganz einfach, weil er zwischen den beiden bis dato existierenden Jazzkellern lag, auf halbem Weg zwischen dem Keller in der Gartenstraße 36 (1959 bis 1962) und dem Keller der alten Wirtschaftsoberschule (WOS). Beheimatet war der SCR 1962 im Untergeschoss der Wilhelmstraße 98 (Zugang Museumstraße) - "klein, eng, schlauchartig, schlecht belüftet und zunächst nur über eine für Schädeldecken recht bedrohliche eiserne Wendeltreppe zu erreichen", schreibt Gründungsmitglied Uli Amann.

Anno 1973 kam dann der Umzug (eigentlich: die Rückkehr) in den umgebauten Jazzkeller Gartenstraße 36 unter der ehemaligen Kranzschen Reinigung. Jenes Gewölbe, in dem schon von 1959 bis 1962 Jazzkonzerte stattgefunden hatten. Nun, im Jahr 2012, wird der Jazzclub 50 Jahre alt (siehe die diversen Embleme, Foto: pr). Zum Geburtstag stieg im Frühjahr das LandesJazzFestival vor Ort, und nun wurde das Jubiläumsbuch vorgestellt.

Kulturbürgermeister Robert Hahn zählte dabei nochmal die Eckdaten des Clubs auf, und Karin Scheu, die zweite Vorsitzende des Clubs, berichtete vom Stand der Dinge heute: Der rund 300 Mitglieder starke "Mitte"-Verein stemmt so an die 80/90 Konzerte pro Jahr. Alles ehrenamtlich, versteht sich. Gesponsert von Stadt und Kreissparkasse. Etwa 40 Aktive machen mit - Kasse, Thekendienst, Fass holen und Programm planen. Das Buch, findet Scheu, vereint "historische Bilder, Erinnerungen, Geschichten und Anekdoten", dabei auch Beiträge von Jürgen Spiess, einem Mitarbeiter unserer Zeitung. Konzipiert wurde die etwas andere Festschrift von Jazzclub-Veteran Peter Bofinger.

Tonne-Chef Enrico Urbanek präsentierte ein paar Histörchen und Appetithäppchen aus dem dicken Band - etwa über den Reutlinger Maler und Jazzclub-Förderer Hajo Pfingsten ("Grandseigneur mit weißem Haar"). Oder über erste Schuldenkrisen: Wie es dem Club anno 1964 gelang, ein aufgelaufenes Defizit auszugleichen - durch gut besuchte "Twist- und Beatnachmittage". Oder über Gaststars wie Knut Kiesewetter, Horst Jankowski, Albert Mangelsdorff, Ray Brown, Monty Alexander, Wolfgang Dauner und mehr.

Der Gitarrist Gino Samele schildert die Atmosphäre des Jazzclubs so: "Hier zählt nur der Spirit, der zwischen den Musikern abläuft und sich dann auch, wenn er da ist, auf das Publikum überträgt. . ." Samele ist es auch, der kurz und treffend Bilant zieht: "Wow, ich sag mal ganz bescheiden, wir haben ein bisschen Musikgeschichte geschrieben hier in Reutlingen. Happy Birthday zum 50. Jazzclub In der Mitte!"

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