Witzig, satirisch, frech
Dettingen. Die vier Maybebop-Profis treffen auf die singenden Laien von Vocal affair und gemeinsam begeistern sie mit ihrem musikalischen Gesamtpaket: Rund 700 Zuschauer bejubelten die Künstler in der Schillerhalle.
Das Los der Vorgruppen ist oft hart, das Interesse an ihren Auftritten beim auf den Topact wartenden Publikum in der Regel gering. Anders in Dettingen: Klar, wollten viele der rund 700 Zuschauer in erster Linie die vier Jungs von Maybebop hören, der derzeit wohl angesagtesten A-Capella-Gruppe in Deutschland.
Doch die Laien von Vocal affair, seit Jahren betreut von Rainer Hiby, brauchten gar nicht um respektvolle Aufmerksamkeit buhlen: Selbstbewusst und bestens vorbereitet auch durch einen vierstündigen Workshop mit Maybebop am Nachmittag machten sie deutlich, dass sie nicht nur in ihrem heimlichen "Wohnzimmer" Zillenhart-Saal für Furore sorgen, sondern auch auf der großen Bühne der Schillerhalle. Das Resümee: Der relativ kleine Saal im Dettinger Bürgerhaus wird dem Chor als Auftrittsort künftig wohl kaum reichen, Vocal affair hat viele neue Fans dazu gewonnen - klar und schnörkellos, auf den Gesang konzentriert ihr Auftritt: Die Interpretation von "Platzregen" überraschte, bei "Killing me softly" hatte man als Zuschauer am liebsten getanzt und der Queen-Klassiker "Bohemian Rhapsody" riss einen regelrecht vom Stuhl. Der Lohn: Applaus in einer Dimension, als ob das Publikum eine Zugabe forderte. Mit dem pfiffigen "Java Jive" wars dann aber mit der Präsentation der Gastgeber vorbei.
Fließend der Übergang zu den Profis von Maybebop, die den Sängern aus Dettingen ebenfalls viel Respekt entgegenbrachten: "Wir freuen uns, die Nachgruppe von Vocal affair zu sein", meinte Jan Bürger im Namen von Lukas Teske, Sebastian Schröder und Oliver Gies zur Begrüßung. Doch schnell wurde klar: Das vor zehn Jahren gegründete Quartett spielt tatsächlich in einer ganz anderen musikalischen Liga und hat sich nicht umsonst in die Spitzengruppe der A-Capella-Szene gesungen.
Dabei machen die Jungs gleich zu Beginn mit musikalischen Kostproben eines klar: Die Songs, die sich Otto-Normalverbraucher von so einer Band wünscht, haben sie nicht im Repertoire - sie interpretieren vielmehr altbewährtes überraschend neu, wie den verjazzten Bi-Ba-Babutzemann. Der Volkslied-Klassiker "Die Gedanken sind frei" wird entstaubt, nicht anders die Ballade "Es war ein König von Thule".
Maybebop ist vor allem eins: Witzig, satirisch, frech, ziemlich skurril, dennoch romantisch und vor allem an allem "Extrem nah dran", wie das Programm heißt. Über Mülltrennung wird ebenso sinniert wie über einen Sprachfehler, der aus einem gefrusteten Männlein Dank PR-Strategie einen feurigen Spanier werden lässt. Thema ist auch der große Traum eines Zivis: Panzerfahren nämlich. Und das Vogellied ist so gut wie sinnfrei, eben Nonsens pur. Der Spaßfaktor fürs Publikum ist enorm hoch, unfassbar das Improvisationsvermögen: Aus Begriffen aus dem Publikum werden aus dem Stehgreif Songs gemacht - aus Maultasche, Bundespräsident, Strumpfhosenhalter, Babyklappe und ad acta wird ein volkstümliches Lied im "Bavarian style".
Unglaublich, auf welch hohem musikalischen Niveau sich die Sänger mit Entertainer-Qualitäten bewegen: Motorräder, Vögel, Schlagzeug und Gitarre - dies alles und noch viel mehr kommt aus dem Mund der Sänger. Perfekt die Show, nichts wird dem Zufall überlassen und jeder Tanzschritt ist Teil des immergleichen Gesamtkonzepts. Und doch wirkt alles wie improvisiert, wie im Moment entstanden: Die Natürlichkeit der vier Akteure machts aus. Sie wirken alles andere als überheblich, suchen entspannt den Kontakt zum Publikum, können auch mal über sich selbst lachen und wirken wie der nette, uneitle Nachbar von nebenan.
Maybebop hat sich zurecht in der A-Capella-Szene ganz oben platziert, die Band ist erfrischend anders und brachte deshalb auch das Publikum in der Schillerhalle zum Toben, selbst noch bei der Zugabe, als der Comedian Harmonist-Klassiker "Ein kleiner grüner Kaktus" als Gruselschocker-Song erklang. Am Ende dann der gemeinsame Abschieds-Auftritt von Vocal affair und Maybebop mit "Ade zur guten Nacht": Die Profis nehmen sich zurück, sitzen vor den Laien auf dem Boden - der Konzertabend war nach fast drei Stunden einfach viel zu schnell vorbei.
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Autor: KIRSTEN OECHSNER | 06.02.2012
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Alle zusammen auf der Bühne, das Publikum ist begeistert. Foto: Kirsten Oechsner
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