Rüttgers bitterer Abend

Die SPD jubelt trotz Stimmenverlusten über ihren Wahlerfolg, in der CDU herrscht nach der dramatischen Niederlage blankes Entsetzen. Schnell wird über den Rücktritt des Ministerpräsidenten spekuliert.

Düsseldorf ist am Wahltag eine bunte Stadt. Am Bahnhof sind hunderte Fans in rot-weißen Trikots des örtlichen Fußball-Zweitligisten Fortuna auf dem Weg zum letzten Heimspiel der Saison gegen Hansa Rostock.

Richtung Regierungsviertel und Landtag beschränkt sich die Farbenlehre auf Grün, Gelb, Schwarz, Rot und Dunkelrot. Vor dem Landtag an der Rheinpromenade feiern sich die Grünen schon vor den ersten Hochrechnungen mit Fähnchen und brasilianischen Klängen. Auf den Stehtischen blühen gelbe Blümchen in den Vasen - ein aufgeregter Beobachter will darin schon Hinweise auf ein Bündnis mit der FDP sehen.

Die Spekulationen und Gerüchte schießen kurz vor den ersten Hochrechnungen ins Kraut, aber die Daten bringen vorerst keine Klarheit. In und vor der SPD-Zentrale wird dennoch gefeiert. Auf dem Bürgersteig steht ein Zelt, drinnen ist es stickig und die Stimmung kocht. Gleichauf oder gar knapp vor der CDU - das haben hier nur die größten Optimisten erwartet. "Die SPD ist wieder da", sagt André Brümmer. Für den stellvertretenden Vorsitzenden der SPD-Arbeitgemeinschaft Selbstständiger liegt der Grund des Erfolges in der Niederlage: "Der Machtverlust vor fünf Jahren hat uns sehr gut getan." Auf allen Parteiebenen habe es in den vergangenen Jahren "Erneuerung" gegeben. Vor allem die Vertreter der vormaligen, 39-jährigen SPD-Regentschaft im Land seien nach und nach ausgewechselt worden. "Das hat uns Kraft gegeben", sagt Brümmer und ist damit bei der umjubelten Parteichefin und Spitzenkandidaten Hannelore Kraft. "Die hat geackert", sagt er anerkennend.

So geackert, dass der 48-jährigen ihre ohnehin schon angeschlagene Stimme bei der Ansprache an ihre Genossen immer wieder entgleitet. Die Hoffnungsträgerin, die die Führung der NRW-SPD übernahm, als die Partei nach der verlorenen Landtagswahl 2005 am Boden lag, wird gefeiert wie eine Fußball-Weltmeisterin: "Hannelore, Hannelore - Kraft, Kraft, Kraft", skandieren die Jusos minutenlang.

Dass die SPD trotz des Sieges ihr seit 50 Jahren schlechtestes Ergebnis in Nordrhein-Westfalen eingefahren hat, interessiert jetzt kaum einen. Die Wähler hätten Jürgen Rüttgers die Rolle des "Arbeiterführers" nicht geglaubt, sagt Brümmer noch. Ein Blick in die Statistik bestätigt den Sozialdemokraten: Arbeiter haben diesmal doppelt so oft SPD wie CDU gewählt.

Der abgewählte Rüttgers gibt sich bedeckt. Erst spät tritt er vor die wartenden Anhänger in der CDU-Parteizentrale, nur 200 Meter vom SPD-Hauptquartier entfernt. Überall lange Gesichter. An der wartenden Presse vorbei kommt er dann durch einen Hintereingang ins Zelt, hinter ihm gucken die Mitglieder seines Kabinetts betreten in die Kamera. Nur Rüttgers Frau Angelika lächelt in die Gesichter der restlos enttäuschten Anhänger. Der Noch-Ministerpräsident "will Verantwortung übernehmen", sein Rücktritt liegt in der Luft, trotz des aufmunternden Klatschens seiner Anhänger. Er gibt die Niederlage unumwunden zu und bedankt sich. "Dieser Wahlabend ist für die CDU und für mich ein bitterer Abend", sagt der Regierungschef. "Ich trage persönlich Verantwortung und will sie auch tragen." Das wars.

Sagen will sonst kaum einer etwas bei den Christdemokraten, der Schock über den Machtverlust - nur fünf Jahre nach dem Sieg über Rot-Grün - sitzt tief. "Ganz schlimm", raunt ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter. Die Partygäste ringen mit der Fassung, ihre Gesichter spiegeln eine Gefühlslage zwischen gewaltiger Enttäuschung und blankem Entsetzen. Einer, der sich besonders verärgert gibt, ist der Präsident des nordrhein-westfälischen Handwerkstages, Wolfgang Schulhoff. Er schimpft auf die Bundeskanzlerin: "Frau Merkel kann nicht regieren."

Ein anderer macht sich und den Christdemokraten Mut: "Wenigstens das Wetter ist gut."

Rüttgers macht sich indes rar. Nachdem sich die schlechten CDU-Ergebnisse stabilisieren, will der Patrei-Vize auch nicht mehr ins Fernsehen. Am späteren Abend lässt er sich in den großen TV-Runden mit den Spitzenkandidaten der Parteien von CDU-Generalsekretär Andreas Krautscheid und NRW-Integrationsminister Armin Laschet vertreten.

Eine bizarre Szene bietet der CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Bosbach. Er sitzt einsam in der Garderobe vor Rüttgers" Büro zwischen Mänteln und telefoniert. Für den gestandenen CDU-Politiker ist die Formel des Misserfolgs klar: "50 Prozent Schwarz-Gelb im Bund, 25 Prozent hausgemacht mit der Sponsorenaffäre und 25 Prozent Griechenland."

Ein Rücktritt des CDU-Landesvorsitzenden Rüttgers steht für Bosbach nicht zur Debatte: "Wir gewinnen und verlieren gemeinsam." Verschiedene Versionen kursieren am Abend, ob Rüttgers nach den hohen Verlusten für seine Partei dem engeren Landesvorstand seinen Rücktritt angeboten hat. "Ja, er hat seinen Rücktritt angeboten, und der Vorstand hat das einstimmig abgelehnt", berichtet der Europaabgeordnete Elmar Brok. Unter der Hand wird diese Version aus CDU-Kreisen bestätigt.

"Ich werde mich für die notwendigen Gespräche zur Verfügung stellen und diese für die CDU führen", hatte Rüttgers unmittelbar nach den ersten Prognosen gesagt.


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