Bleiche FDP-Gesichter
Während in der CDU nun ein konservativerer Kurs verlangt wird, hofft SPD-Chef Gabriel, dass seine Partei aus dem Tal der Tränen ausgebrochen ist. Den FDP-Spitzen war das Erschrecken anzumerken.
Seit Wochen haben sogar führende CDU-Politiker hinter vorgehaltener Hand keinen Pfifferling mehr für Schwarz-Gelb in Düsseldorf gegeben. Deshalb tritt nach den ersten Prognosen des Wahlabends auch keine Schockstarre im Berliner Konrad-Adenauer-Haus ein. Doch sind sich im Hauptquartier der Partei alle darüber einig, dass nun ganz schwere Zeiten auf Angela Merkel zukommen.
Mehr als zehn Prozent weniger als vor fünf Jahren - dieses niederschmetternde Ergebnis für Jürgen Rüttgers und die NRW-CDU wird sich nicht allein auf die Schultern der Freunde an Rhein und Ruhr laden lassen. Schon in den vergangenen Tagen haben sich hinter den Kulissen einflussreiche CDU-Ministerpräsidenten zu Wort gemeldet und bei der Bundeskanzlerin dringenden Gesprächsbedarf angemeldet.
Bei ihrer Kaminrunde am letzten Donnerstag haben Roland Koch (Hessen), Stanislaw Tillich (Sachsen) und Christine Lieberknecht (Thüringen) von ihrer Parteichefin einen entschiedener konservativen Kurs verlangt und vor allem die Absage an alle liberalen Steuersenkungsutopien. Heute wollen sich Repräsentanten des eher rechten Parteiflügels in der baden-württembergischen Landesvertretung treffen, um die Konsequenzen zu beraten.
Da braut sich einiges zusammen über Angela Merkel, die nicht darauf verweisen kann, in NRW nicht zur Wahl gestanden zu haben - immerhin war sie ein Dutzend Mal, zuletzt noch am Samstag, auf Wahlkampftour im größten Bundesland.
Viel besser hat es da ihr SPD-Widerpart Sigmar Gabriel, der die Partei erst seit November 2009 führt und jetzt über beide Backen strahlt, weil es so aussieht, als sei den Genossen der lange ersehnte Ausbruch aus dem Jammertal gelungen. Im Willy-Brandt-Haus drängeln sich bei Curry-Wurst und Bier einige Hundert Schlachtenbummler - auch ein Zeichen dafür, dass die Sozis wieder Morgenluft wittern. Wenn NRW, das alte Stammland der SPD, tatsächlich schon nach fünf Jahren wieder zurückerobert werden kann, berechtigt das Gabriel und die Seinen mindestens für diesen glorreichen Moment plötzlich wieder zu den schönsten Hoffnungen, auch im Bund.
Bei der FDP war nicht nur Parteichef Chef Guido Westerwelle etwas bleich im Gesicht, als er schon 20 Minuten nach den ersten Prognosen in der Parteizentrale vor die Kameras trat. Auch den übrigen liberalen Spitzenleuten war das Erschrecken ins Gesicht geschrieben: Was bedeutet der Verlust der Regierungsbeteiligung im größten Bundesland für die Bundespolitik? Westerwelle beschönigte nichts und sprach gleich von einem "sehr enttäuschenden Wahlabend", einem Warnschuss auch für die Regierungsparteien in Berlin. "Die Bürger sollen wissen, dass er gehört worden ist." Er warb dafür, Vertrauen durch "harte Arbeit" wieder zu gewinnen.
Auffällig war sein "herzliches Dankeschön" an den Spitzenkandidaten der Liberalen, Andreas Pinkwart, zu dem er nicht das beste Verhältnis hat, schon weil sich Pinkwart für den besseren Parteichef hält. Aber das Thema scheint erst einmal gegessen. "Wir stehen auch an diesem Abend beieinander und zusammen", betonte Westerwelle.
Hinter den Kulissen hieß es, Pinkwart sei derzeit gefährdeter als Westerwelle. "Über Westerwelle wird innerparteilich sowieso schon reichlich diskutiert", meinte ein FDP-Bundespolitiker. "Mir blutet das Herz", sagte ein weibliches FDP-Mitglied. Denn die Koalition habe gute Politik für das Bundesland gemacht. Aber die Bundespolitik habe dominiert. Überrascht über das schwache Abschneiden war aber niemand wirklich. Beide Berliner Regierungsparteien seien abgestraft worden, so der Böblinger FDP-Bundestagsabgeordnete Florian Toncar.
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Autor: GUNTHER HARTWIG DIETER KELLER | 10.05.2010
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