Der Blick geht nach London

Stephan Rein wiederholte seinen Vorjahressieg beim Allstarcup in Reutlingen. Der Kirchentellinsfurter besiegte im Finale Raphael Steinberger (Solingen) mit 15:10. Europameister Jörg Fiedler wurde Dritter.

Es ist keineswegs so, dass sich Jörg Fiedler die Provinz ausgesucht hat, um nicht im Rampenlicht zu stehen. Deutschlands derzeit erfolgreichster Degenfechter bestritt das erste Turnier nach einer mit Platz 18 reichlich schief gegangenen WM im Oktober am Wochenende in Reutlingen als Kontrollwettkampf - und nicht um unentdeckt zu bleiben. Längst hat der amtierende Europameister den Blick nach vorne gerichtet: die Olympischen Spiele in London sind das Ziel. Und die Chancen stehen gut, dass der 33 Jahre alte Leipziger an seinen dritten Spielen teilnimmt. "Mit der WM-Pleite kann ich leben. Ich bin voll im Soll und habe das jetzt selber in der Hand", sagte er am Rande des Allstarcups in Reutlingen, bei dem er im Halbfinale an Raphael Steinberger scheiterte. Der hatte im Übrigen auch den Vizeweltmeister Bas Verwijlen ausgeschaltet.

Für Fiedler wird es erst in zwei Wochen beim ersten von insgesamt vier Weltcups ernst. Dort entscheidet sich die Olympiaqualifikation. Die besten zwölf der Qualifikationsrangliste dürfen nach London. Fiedler liegt derzeit auf Rang zehn. Kommt er zweimal bei den vier noch Weltcups mindestens unter die besten Acht, dann müsste es reichen, hat der aktuelle Weltranglistenzweite ausgerechnet.

Wichtige Qualifikationspunkte brachte ihm der Europameistertitel, den er im Juli im englischen Sheffield gewann. Es war der erste Einzeltitel seit er 1996 Junioren-Weltmeister geworden war. Warum ist ihm der erste große Wurf erst im Alter von 33 Jahren gelungen? "Dafür muss einfach alles passen, fechterisch und mental", so Fiedler, der auch sagt, dass er seit vielen Jahren mit einem zentralen Problem kämpft: "Ich will zuviel."

Der Bundestrainer Didier Ollagnon findet den späten Triumph nicht sonderlich ungewöhnlich. Manche seien in dieser komplexen und von vielen Details abhängigen Sportart "eben erst mit 30 Jahren soweit". Ollagnon ist sich zudem sicher, dass Fiedler ("Er ist sensibel und sehr bescheiden") auch die Rückkehr in seine Heimat gut getan hat. Beim Fechtclub Leipzig, für den er seit Dezember 2010 wieder startet, hat er als Neunjähriger mit dem Fechten begonnen. "Man hat es ihm angesehen, dass er in Tauberbischofsheim zuletzt richtig unglücklich war", sagt Ollagnon. In seiner Zeit in der Fechthochburg feierte er mit WM-Silber (1999, 2003), Olympia-Bronze (2004) jeweils im Mannschaftswettbewerb sowie dem Gewinn des Einzelweltcups (2001) seine größten Erfolge.

Derzeit pendelt Fiedler zwischen Leipzig und Würzburg, wo er noch als Übungsleiter arbeitet. Trainer will er nach dem Ende seiner aktiven Laufbahn werden. Ein paralleles Studium oder eine Berufsausbildung kam für ihn nicht in Frage. "Ich will das, was ich mache, auch richtig machen", sagt er. Das gilt für ihn auch im Alter von 33 Jahren. "Jörg ist da ein Phänomen", sagt Ollganon, "in seinem Fingerspitzengefühl steckt viel Genie, und er hat eine besondere Gabe, den richtigen Moment zu erkennen. Aber er hat noch einige Ressourcen und kann sich immer noch auf vielen Gebieten verbessern."

Das Handwerkszeug, um auch in London vorne mitzufechten, besitzt der Leipziger ohnehin. Fiedler wird bei den Spielen 2012, wo es keinen Degen-Teamwettbewerb gibt, wohl auch der einzige deutsche Degenfechter sein. Für Didier Ollagnon ist das "keine Überraschung". Der Franzose, der seit drei Jahren Bundestrainer ist, nimmt kein Blatt vor den Mund: "Das Reservoir an guten Degenfechtern ist da, aber wir nutzen es nicht. Außerdem schaffen wir es nicht, die besten Fechter als Gruppe zu binden, unsere zentralen Maßnahmen sind zu sporadisch." Das sieht auch Jörg Fiedler ähnlich. "Man hat es verpasst in Deutschland entsprechende Strukturen zu schaffen und sich auch nicht mit der Frage auseinandergesetzt, wo es mit dem Fechtsport hingehen soll. Zu glauben, dass man vorne dabei ist, nur weil man die Fechtnation Deutschland ist, das ist blauäugig."


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Autor: PETER WÖRZ | 17.01.2012

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