Neues Image, neue Perspektiven
Derzeit stehen die Handballerinnen der TuS Metzingen an der Tabellenspitze der zweiten Liga und zählen zu den Favoriten im Kampf um den Aufstieg. Dabei stand der Club vor zweieinhalb Jahren vor dem Aus.
Edina Rott gehört nicht zu denen, die sich über den Höhenflug wundern. "Warum sollte ich überrascht sein", sagt die Metzinger Trainerin, "ich weiß, dass ich eine sehr gute Mannschaft habe." Das zeugt von einem gesunden Selbstbewusstsein, das sich die Frauen in Deutschlands Outlet-City Nummer eins in dieser, aber auch schon in der vergangenen Saison erarbeitet haben. Und es zeigt, dass man in Metzingen wieder anspruchsvolle Ziele verfolgen darf, woran vor zweieinhalb Jahren niemand mehr glaubte. Es musste viel eher davon ausgegangen werden, dass es in Metzingen keinen Zweitligahandball mehr geben wird. Denn noch vor dem ersten Spiel der Saison 2009/2010 drohte der Lizenzentzug.
Andreas Baumgärtner, der damalige Leiter der Metzinger TuS-Abteilung Handball-Bundesliga hatte bei seinem Arbeitgeber, der Kreissparkasse Reutlingen rund 250 000 Euro abgezweigt - auch um den Zweitligaspielbetrieb in Metzingen zu finanzieren. Als das aufflog, klaffte zudem eine 220 000 Euro große Lücke im Etat. Dass es trotzdem weiterging und dass der Klassenverbleib gelang, das war in erster Linie das Verdienst von Edina Rottt und ihrem Mann Ferenc. Die heute 40-Jährige war kurz vor dem Bekanntwerden der Machenschaften als Spielertrainerin verpflichtet worden und mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern von Bensheim nach Reutlingen gezogen.
Unvermittelt war der Familie die Zukunftsperspektive abhanden gekommen. Da hat sie sich entschlossen zu kämpfen. Ferenc Rott übernahm ehrenamtlich den Posten des Geschäftsführers, seine Frau leistete mit einem Team der übriggebliebenen Spielerinnen gute Arbeit und sicherte den Klassenverbleib. Die Aufgabe von Ferenc Rott war nicht weniger knifflig: Vertrauen zurückzugewinnen, Partner finden, Geldgeber überzeugen. Es ist ihm ganz offensichtlich gelungen. "Der Imageverlust war groß. Ich glaube, es hat nur deshalb funktioniert, weil wir von Außen kamen, vorher nichts mit Allem zu tun hatten und selbst Opfer waren", sagt Ferenc Rott.
Einen Etat von rund 200 000 Euro stemmte die TuS in der vergangenen Saison, rund 250 000 Euro inklusive zahlreicher Sachleistungen sind es in der aktuellen Spielzeit. Es geht voran. Auch in Sachen Image. "Wir haben Anfragen von Spielerinnen auch aus der ersten Liga. Wir zahlen pünktlich, das spricht sich schnell herum", sagt Rott. Vor 18 Monaten tat sich der Geschäftsführer noch schwer, starke deutsche Spielerinnen zur TuS zu lotsen. Also nutzte man die Kontakte in die Heimat. Wobei die ungarische Achse mit der Torjägerin Annamaria Ilyes, der Kreisläuferin Barbara Balogh und der Linkshänderin Julia Smideliusz großen Anteil am Metzinger Erfolg hat. Edina Rott indes gibt ihre Anweisungen nur noch von außen, nachdem sie infolge einer schweren Knieverletzung und nach drei Operationen ihre Karriere beenden musste.
Sie hat ein Team geformt, in dem die Chemie stimmt. "Alle arbeiten gut zusammen. Wichtig ist, dass wir keinen Star haben", sagt die Trainerin. Das Konzept geht auf. Mit einer starken Abwehr, einer guten Torhüterin Sabine Stockhorst und mit Tempo-Handball klopft Metzingen an die Tür zur Bundesliga. Und wenn das klappen sollte? "Ich bin da ganz gelassen", sagt Ferenc Rott, "es sind ja noch 13 Spiele, da kann viel passieren. Aber natürlich machen wir auch einen Plan." Im Falle des Erfolgs will man gerüstet sein - und auch in dieser Hinsicht die Vergangenheit endgültig hinter sich lassen. Eine Vergangenheit, in der der Club schon zweimal den sportlich erreichten Aufstieg nicht wahrnehmen konnte. Einmal aufgrund eines Formfehlers und einmal wegen des fehlenden Geldes.
Und wenn die TuS weiter in der zweiten Liga bleibt, ist das für Ferenc und Edina Rott auch in Ordnung. "Unser Ziel war ja nicht der Aufstieg, sondern, dass man eine Entwicklung sieht", sagt Rott. Der ehemalige Fußball-Torhüter (Karlsruher SC, Darmstadt 98) sieht sich mit seinem Engagement noch in der Investitionsphase. "Ich sehe, dass man hier etwas aufbauen kann. Das ist wie bei einem Unternehmen." Das heißt auch, dass er und sein Frau immer noch finanzielle Abstriche in Kauf nehmen.
Inzwischen hat sich auch wieder eine Crew von ehrenamtlichen Mitarbeitern formiert, die den Spielbetrieb am Laufen hält und an den Heimspieltagen den Zuschauern einen bemerkenswerten Service bietet. Das reicht von der Sportschau auf Großleinwand über eine "TuSSie-Bar" bis zum Steak vom Grill - auch bei minus 15 Grad. Die Zuschauer honorieren die Arbeit auf und neben dem Spielfeld. Mindestens 600 sind immer da. Mittendrin auch Michael Giehrl. Der ehemalige Vizepräsident im Deutschen-Handball-Bund und einstige Geschäftsführer der Metzinger Handballerinnen begleitet seit vielen Jahren die aufreibende Berg- und Talfahrt der TuS - und ist jetzt wieder mit Freude dabei: "In Metzingen arbeitet man wieder gemeinsam an einem Ziel. Das war lange nicht so."
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Autor: PETER WÖRZ | 10.02.2012
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Edina und Ferenc Rott engagieren sich seit zweieinhalb Jahren für den Frauenhandball in Metzingen. In dieser Zeit hat sich der Klub von einem Insolvenz- zu einem Meisterschaftskandidaten gewandelt. Foto: Archiv
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