Nationalmannschaft: Aufrecht und enthemmt aus dem kollektiven Dilemma

Die Aufbaukur des Bundestrainers Joachim Löw hat angeschlagen. Auch die zuletzt formschwachen Profis des FC Bayern wirken stabilisiert.

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Volle Kontrolle im Dauerregen: Jerome Boateng (links) und Mats Hummels zeigten sich beim 3:1 in Belfast in ansteigender Form.  Foto: 

Eine gute halbe Stunde nach dem Schlusspfiff standen sie im engen Kabinentrakt des Stadions Windsor Park, frischgeduscht, und redeten. Sie standen da und redeten. Und standen. Und redeten. Jerome Boateng, Mats Hummels und Thomas Müller, die drei Weltmeister, standen da, einer nach dem anderen, und mit jedem Wort, das ihnen über die Lippen kam, schien ihre Brust ein bisschen breiter zu werden.

Boateng gab den natürlich Lässigen, mit seiner absichtlich verdrehten Baseball-Mütze, den Schirm nach hinten, seinem funkelnden Ohrring und den über den Schulter hängenden Ohrenstöpseln, die vermutlich an einem digitalen Abspielgerät für moderne Musik in der Hosentasche des Trainingsanzugs endeten, hätte er auch auf dem roten Teppich einer Modenschau ein gutes Bild abgegeben. Fröhlich blickten die Augen durch den feingoldenen und runden Rahmen seiner Brille. „Es hat großen Spaß gemacht, wieder dabei zu sein“, sagte Boateng, der nach mehreren Verletzungen sein erstes Länderspiel seit einem Jahr bestritten hatte.

3:1 in Nordirland, direkt qualifiziert für die WM 2018 in Russland – die Partie in Belfast schien für den Innenverteidiger und die meisten seiner Mitspieler, speziell die Kollegen vom FC Bayern, nach Wochen von Pleiten, Pech und Tralala, auch abseits des Rasens, wie ein Krampflöser gewirkt zu haben. Also stellten sie sich hin und redeten.

Das Frage-Antwort-Schema funktionierte im stetigen Rhythmus: A) Wie war das Spiel? B) Kann die deutsche Mannschaft in Russland den WM-Triumph von 2014 wiederholen? C) Wird mit Jupp Heynckes bei den Bayern alles wieder besser?

Also bekannte Boateng frisch und munter: A) „Die erste Halbzeit war sehr, sehr gut, in der zweiten haben wir ein bisschen nachgelassen.“ B) „Man sieht, dass sehr viel Qualität da ist, auch die Jungen kommen nach.“ C) „Das ist ein ganz großer Trainer, eine super Lösung, weil er den Verein in- und auswendig kennt.“

Auch Müller, der Kapitän der Münchner und der Nationalelf, schien von Heynckes’ Rückkehr hochgradig stimuliert. In Belfast fegte er wie aufgedreht über das Spielfeld, er trieb die deutsche Mannschaft an und attackierte die Nordiren, wann immer sich die Möglichkeit bot. Aufrecht präsentierte er sich auch in der Anlayse: A) „Ich hab mich gefreut, dass wir es klargemacht haben, der ganz große emotionaler Ausbruch ist heute aber ausgeblieben.“ B) „Es gibt viele Positionen, wo wir sehr viel Auswahl haben, auf anderen Positionen vielleicht ein bisschen weniger.“ C) „Er ist gegangen auf dem Höhepunkt, und jetzt warten wir mal ab, was die nächsten Tage bringen.“

Müller plauderte, die flotten Sprüche, für die er bekannt ist, verkniff er sich. Die Turbulenzen im Verein, die in dem Rauswurf des Trainers Carlo Ancelotti gipfelten, haben bei dem bayerischen Gute-Laune-Burschen offensichtlich Spuren hinterlassen.

Lobeshymnen auf Heynckes

Selbstbewusst und höchst konzentriert bis hin zur Abfahrt des Mannschaftsbusses zeigte sich Hummels, den Ancelotti zuletzt auf die Ersatzbank verbannt hatte. In der Nationalelf zählt er nach wie vor zu den Stützen. Im Zusammenspiel mit den Klubkollegen Boateng und Joshua Kimmich sowie dem Berliner Marvin Plattenhardt hielt er in Belfast die Abwehr stabil. Messerscharf formulierte er später: A) „Im Großen und Ganzen hatten wir unheimlich viel Kontrolle über die Partie und haben es gut gespielt.“ B) „Wenn alle Spieler gesund bleiben, zählen wir in Russland wieder zu den Favoriten.“ C) „Das Wichtigste ist, dass es eine Entscheidung gibt, mit der alle glücklich und zufrieden sind. Wir als Mannschaft werden versuchen, das Beste daraus zu machen.“

Sein Kopfhörer war wuchtiger als der von Boateng. Die Klänge auf der Fahrt ins Hotel dürfte er genauso wie der Kollege genossen haben. Im Sitzen, entspannt und ohne große Worte.

Die DFB-Auswahl wird sich zum vierten Mal nach 1990, 2010 und 2014 in Südtirol auf eine WM-Endrunde vorbereiten. „In Eppan werden wir den Feinschliff machen, das wird die entscheidende Phase“, sagte Bundestrainer Joachim Löw. „Ab Mitte Mai“ wohnt die Mannschaft im selben Hotel wie vor der WM 2010 in Südafrika. Der genaue Termin steht noch nicht fest. Auch 1990 und 2014 bereitete sich die Nationalmannschaft in Südtirol auf eine Weltmeisterschaft vor. dpa

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