Eine ganz steile Karriere

Seit zwei Jahren hütet Simone Holder das Tor des VfL Sindelfingen und ist mit dem Team in die Frauenfußball-Bundesliga aufgestiegen. Jetzt kämpft die 23 Jahre alte Münsingerin mit dem VfL um den Klassenerhalt.

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Simone Holder aus Münsingen hat sich beim Bundesliga-Aufsteiger VfL Sindelfingen den Stammplatz im Tor erkämpft - und macht derzeit viele neue Erfahrungen. Foto: Peter Wörz

14 Minuten haben genügt, um Simone Holder den Auftakt ins Wochenende zu vermiesen. Drei Tore hat die Torhüterin in diesem Zeitraum gleich zu Spielbeginn kassiert, die Partie am Samstagvormittag zwischen dem VfL Sindelfingen und der SGS Essen war damit entschieden. Es war ein Frust mehr für Holder, die aus Münsingen stammt und als die Nummer eins im Tor des Frauenfußball-Bundesligisten VfL Sindelfingen steht. 33 Gegentore in neun Spielen, erst vier Punkte, Tabellenletzter - das geht nicht spurlos an einem vorüber. "Das ist für die ganze Mannschaft eine neue Situation", sagt Simone Holder, "damit müssen wir erst umgehen lernen."

Für die 23-Jährige gilt das im Besonderen. Denn in der vergangenen Saison sah das noch ganz anders aus. Holder bekam in der zweiten Liga die wenigsten Gegentore, der VfL ist souverän aufgestiegen und die Münsingerin, die jetzt in Stuttgart lebt, war Teil dieses Höhenflugs. Und das kam recht überraschend. "Sie hat eine sensationelle Karriere gemacht", sagt Andreas Bellon, der Torwartrainer beim VfL Sindelfingen über die Geschwindigkeit, mit der sich Holder als Nummer eins etabliert hat. Geplant war das ein wenig anders.

Als die Torhüterin 2011 vom Oberligisten TSV Ludwigsburg nach Sindelfingen wechselte, war sie eigentlich für das Oberligateam des VfL vorgesehen. Als es dann aber Ärger, zwei Abgänge und eine Langzeitverletzte gab, stand Simone Holder plötzlich im Tor des Zweitligateams - auch bedingt durch den guten Eindruck, den sie im Trainingslager hinterlassen hatte. "Wir mussten ihr das Vertrauen geben", sagt der VfL-Trainer Niko Koutroubis zu der damaligen Situation, "und sie hat es Stück für Stück zurückgegeben."

Ihre Laufbahn begann die 1,79 Meter große Münsingerin als rechte Verteidigerin im E-Juniorenteam ihres Heimatvereins WSV. Auch als sie dann in der C-Jugend zum VfL Munderkingen wechselte, spielte sie zunächst im rechten Mittelfeld. Ihr wahres Talent offenbarte sich erst durch einen Zufall. Als sich die Torhüterin verletzte, schickte ihr Trainer sie zwischen die Pfosten. "Wahrscheinlich, weil ich die Größte und lauffaul war", mutmaßt Holder. Sieben Jahre später sagt ihr Trainer: "Sie bringt alles mit, was eine Torhüterin braucht." Manchmal auch ein bisschen zu viel. "Sie ist ein Hitzkopf", sagt Andreas Bellon. Und, fügt der Torwarttrainer hinzu: "Aber das ist schon viel besser geworden."

Dieser Charakterzug war auch im Spiel gegen Essen zu beobachten - und vor allem zu hören. Simone Holder hat bei den drei Gegentoren ihren Vorderleuten deutlich die Meinung gesagt, der Torpfosten konnte ebenfalls keine Gnade erwarten. Der Heißsporn hat sich schon manche Rote Karte eingehandelt, die letzte zum Saisonende in der zweiten Liga, als sie sich nicht nur verbal mit einer Gegenspielerin angelegt hat. Vier Spiele Sperre waren die Folge, sodass sie die erste Bundesliga-Partie nur als Zuschauerin erlebte - was vielleicht auch besser war: mit 1:9 gingen die Sindelfingerinnen gegen den amtierenden Deutschen Meister 1. FFC Turbine Potsdam unter.

So schlimm kam es seither zwar nicht mehr, dennoch ist das Abenteuer Bundesliga für Holder und ihre Mitspielerinnen einen Spieltag vor dem Ende der Hinserie zu einem ernüchternden Erlebnis geworden. "Wenn du nur verlierst, wird es immer schwieriger, sich zu motivieren", sagt sie. Zumal, wenn sich auch die Unterstützung von Außen in Grenzen hält. Nur 125 Zuschauer haben sich am Samstag ins Sindelfinger Floschen-Stadion verirrt. So wenige waren es in dieser Saison zwar noch nie, aber es zeigt doch, dass Bundesliga-Frauenfußball mit dem der Männer nicht viel gemeinsam hat.

Und schon gar nicht beim Geld. Die Frage nach dem Gehalt erzeugt bei Simone Holder nur ein müdes Lächeln. "Ich werde zwar als Leistungsträgerin gehandelt, aber ich zahle drauf", sagt die Torspielerin. Kaum zu glauben: Nicht einmal die Benzinkosten bekommt sie ersetzt, einen Vertrag hat sie auch nicht. Letzteres hat damit zu tun, dass Holder als operationstechnische Assistentin voll berufstätig ist - was nochmals eine besondere Herausforderung darstellt. Arbeit, Training, Spiel, da bleibt wenig Spielraum für andere Dinge, auch weil der Aufwand mit dem Aufstieg deutlich gewachsen ist. Fünfmal pro Woche fährt sie nach Sindelfingen ins Training,

Da muss die Torhüterin dann eine besondere Qual erdulden, da sie sich jeden kassierten Gegentreffer noch einmal zu Gemüte führen muss. "Wir analysieren jedes Tor", sagt Andreas Bellon. Wegen des Lerneffekts. Und der ist da. "Simone hat sich gut entwickelt und in einigen Spielen sensationell gehalten", so Bellon. Und auch ihr Temperament kann Simone Holder zunehmend besser zügeln.

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