Fast 100 Verdächtige im Blick

Stuttgart.  Ein neues Mafia-Buch nennt mehrere Städte in Baden-Württemberg, in denen die Mafia aktiv sein soll. Die Hinweise seien teilweise alt, teilweise unzutreffend, sagt die Polizei. Verdächtige habe man aber im Blick.

Die italienische Regierung macht gerade gegen die Mafia mobil - mit Festnahmen untergetauchter Bosse und Beschlagname kriminell zusammengerafften Vermögens. Den Plan dazu hat die Berlusconi-Regierung in Reggio die Calabria beschlossen - demonstrativ, weil die Mafia Kalabriens, die Ndrangheta, Drohungen gegen die Fahnder in der Provinz an der italienischen Stiefelspitze absetzte.

Alles weit weg? Im Buch "Mafia Export", neu in Italien herausgekommen, beschreibt Francesco Forgione das kriminelle Netz von Ndrangheta, Cosa Nostra und Camorra auch in Deutschland. Im Blick: Die erweiterten Mafia-Geschäftsfelder. Zu Erpressung, Drogenhandel und Geldwäsche kommen zunehmend Betätigungsfelder in der legalen Wirtschaft - im Abfallgeschäft, im Tourismus, im Baugewerbe. Dabei mache die Mafia nicht an Italiens Grenze halt, sagt Forgione, bis 2008 Vorsitzender der Anti-Mafia-Kommission des Parlaments in Rom. Auch Deutschland sei Schauplatz für "saubere Geschäfte" mit schmutzigem Geld, investiert werde zum Beispiel in Immobilien wie Restaurants. Besonders aktiv sei die Ndrangheta - früher nicht so oft wie die anderen Mafiaableger durch Bomben und blutige Schusswechsel auffällig. Der Mafia-Experte nennt Namen und Städte - auch im Südwesten:

Nach Ravensburg soll ein Mafiaclan aus Gerocarne in Kalabrien Kontakte haben,

nach Ludwigsburg der Clan der Carelli aus Corigliano Calabro,

nach Mannheim, Stuttgart und Freiburg der Farao-Clan aus Ciró,

nach Stuttgart und Mannheim angeblich auch der Clan der Mazzaferro aus Gioisa Jonica,

nach Tübingen ein NdranghetaClan aus Monasterace,

für Stuttgart wird auch der Iona-Clan aus Belvedere Spinello e Rocca di Neto genannt.

Gleich in mehreren deutschen Städten, darunter Tübingen, sollen Mafiaclans aus San Luca tätig sein, die Nirta-Strangio und Pelle-Vottari sind darunter, beteiligt an dem Massaker mit sechs Toten in Bochum vor zweieinhalb Jahren. Dass Kriminelle mit Kontakten zu italienischen Mafia-Gruppierungen auch in Baden-Württemberg aktiv sind, sei "nichts Unbekanntes", sagt Horst Haug vom Landeskriminalamt in Stuttgart. Zu einzelnen Orten oder Personen gebe es keine Auskünfte von den Ermittlern. Die im Buch für den Südwesten genannten Details seien aber nach einer ersten Prüfung durch die LKA-Fachleute "teilweise unzutreffend, teilweise auch sehr alt", weiß Haug.

Landesweit hätten die OK-Fahnder, Ermittler in Sachen Organisierte Kriminalität, allerdings "an die 100 Personen sehr aufmerksam im Blick", die verdächtig seien, Bezüge zu kriminellen Organisationen in Italien zu haben. Dabei werde sehr eng mit der deutsch-italienischen Task Force beim Bundeskriminalamt zusammengearbeitet, mit den Landespolizeien - und auch mit den italienischen Behörden. "Das ist ein sehr dichtes Netz zum Austausch von Informationen."

Von den Ndrangheta-Aktivitäten sei Baden-Württemberg vor allem als "Absatzmarkt und Transitland für Kokain aus Südamerika betroffen", stellte das Innenministerium in einer Antwort auf eine SPD-Landtagsanfrage schon vor einem Jahr fest. Historisch gewachsene Verbindungen zwischen Italien und dem Südwesten sowie die Nähe beider Länder förderten die Aktivitäten der Mafia.

Aufgezählt werden auch Kontakte zu italienischen Gruppierungen der organisierten Kriminalität: 2008 zählte die Polizei 22 Personen im Südwesten mit Kontakten zur Cosa Nostra auf Sizilien, 21 zur Camorra in Neapel, 12 zur Ndrangheta, 6 zur Stidda-Organisation in Sizilien und 2 mit Kontakten zur Sacra Corona Unita.

Allerdings: Eine Verlagerung der Mafia-Geschäfte in Abfallwirtschaft, Tourismus und Baugewerbe wie in Italien "kann in Baden-Württemberg nicht festgestellt werden", so das Ministerium.


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