Schutzzonen für Rebhühner

|
Ein Rebhuhn aufgenommen in Fellbach. In der Stadt im Rems-Murr-Kreis wird seit fünf Jahren für den Erhalt der Tiere gekämpft. Die Population ist deutlich geschrumpft.

Das Rebhuhn mag es bunt. Mit Blumen bewachsene Brachflächen sind sein Lieblingsrevier. Dort findet der graue Vogel Schutz und behält gleichzeitig den Überblick. Doch solche idealen Rückzugsgebiete gibt es in der Naturlandschaft der Region immer seltener. Was hier nicht bebaut wird, wird gedüngt, bepflanzt und mit Pestiziden besprüht. Das bietet der Vogelart, die wie das Haushuhn mehr schlecht als recht fliegen kann und deswegen sehr bodenständig ist, keinen Platz fürs stressfreie Brüten und zudem nicht ausreichend Nahrung für den Nachwuchs.

„Entscheidend für den Schutz ist die Jungensterblichkeit während der ersten Wochen, in denen die Rebhühner auf tierisches Eiweiß angewiesen sind, das kaum noch ausreichend verfügbar ist“, sagt ein Sprecher des Landratsamts Ludwigsburg. Als untere Naturschutzbehörde haben die Kreisbehörden die Aufsicht über die Bestände. Und diese sind in den vergangen 15 Jahren massiv zurückgegangen. Anfang der 2000er Jahre wurden auf einer repräsentativen Fläche im Landkreis Ludwigsburg 300 Paare gezählt. Zehn Jahre später war es ein Drittel weniger. Vogelarten wie die Grauammer und der Kiebitz wurden bei der Zählung gar nicht mehr gesichtet.

Im Landkreis Ludwigsburg werden besonders breite Ackerrandstreifen als Wohlfühlflächen für die Rebhühner angelegt. Doch die Agrarböden sind fruchtbar und knapp. „Bisher ist es nur in Einzelfällen gelungen, mit Landwirten Extensivierungsverträge auf Ackerflächen zum Rebhuhnschutz abzuschließen“, bedauert der Sprecher. Auch entsprechende EU-Vorgaben wie das Greening (siehe Info) hätten wenig gebracht. Von den Naturschützern ist Fantasie gefragt, wollen sie im dicht besiedelten Ballungsraum Reservate finden. Stuttgart hat im nördlichen Stadtteil Mühlhausen Mastfußbiotope anlegen lassen. Dies sind Flächen unter großen Stromleitungsmasten, auf denen das Rebhuhn ungestört ist.

Ein weiterer Schwerpunkt der Population sind in der Landeshauptstadt Ackerflächen in Plien­ingen. Als Ausgleich für den Bau der Messehallen wurden mit einheimischen Wildkräutern angesäte Flächen miteinander vernetzt und dauerhaft angelegt. Die Population habe sich dadurch teilweise stabilisiert, heißt es von der Naturschutzbehörde im Rathaus.

Die Landkreisverwaltung Böblingen hat in diesem Frühjahr zusammen mit Landwirten ein Schutzprojekt gestartet, so Barbara Truckses vom Landschaftserhaltungsverband. „Insbesondere wurden Blühflächen eingesät, die den Rebhühnern ganzjährig Deckung und Nahrung bieten und als Bruthabitat genutzt werden“, berichtet sie. Die Blühstreifen werden nach Möglichkeit zweigeteilt bewirtschaftet. Im ersten Jahr erfolgt die Einsaat auf der gesamten Fläche, im zweiten Jahr wird die Hälfte der Fläche neu eingesät, während die andere Hälfte ohne weitere Pflege stehen bleibt. Im dritten Jahr werden Neueinsaat und Brachefläche getauscht. „Dadurch werden die Strukturvielfalt erhöht und ständig neue Randlinien, Brut- und Aufzuchthabitate geschaffen.“

Im Rems-Murr-Kreis hat die Stadt Fellbach schon vor fünf Jahren eine Initiative gestartet und Brachflächen in blühende Minilandschaften verwandeln lassen. Das Schmidener Feld war einst bekannt für seine Rebhuhnpopulation. Bei der jüngsten Zählung wurden nur noch 15 Brutpaare entdeckt. Die Stadt hat festgestellt, dass sie mit Eigenmitteln das Aussterben nicht verhindern kann und die Kreisverwaltung um Unterstützung gebeten. Insgesamt fünf Hektar Brachflächen hat die Stadt in den vergangenen Jahren anlegen lassen, um jetzt aber festzustellen, dass mindestens das Zehnfache notwendig wäre, um den Bestand dauerhaft zu sichern. Im Juli wurde gemeinsam mit dem Landkreis ein neues Schutzprogramm ins Leben gerufen, das von der Stiftung Naturschutzfonds Baden-Württemberg unterstützt wird.

Landwirte sollen weitere Flächen zur Verfügung stellen. Dafür erhalten sie einen finanziellen Ausgleich, der aus Projektgeldern sowie Mitteln der Landschaftspflegerichtlinie finanziert wird. Die Landwirte kümmern sich auch um die fachgerechte Pflege. Außerdem bemüht sich die Initiative um eine Kooperation mit den Stadtwerken Fellbach. Auf einigen Ackerflächen könnten nach ihrer Vorstellung rebhuhnfreundliche Alternativen zum Mais als Energieträger für die Biogasanlage angebaut werden. Jäger sind aufgerufen, den Fuchsbestand zu regeln. In einer strukturarmen Landschaft werden Rebhühner eine leichte Beute für Füchse. Ob es je wieder so weit kommen wird, dass Jäger auf Rebhühner schießen dürfen, die jahrtausendelang eine Delikatesse waren, bezweifeln Naturschützer.

Landwirte bekommen für die Erhaltung ihrer Ackerflächen Geld von der EU. Das ist die sogenannte Direktzahlung. Ein Drittel der Summe erhalten sie über die Greening-Prämie, aber nur dann, wenn sie zusätzliche Umweltleistungen erbringen.

Das Greening umfasst den Erhalt von Dauergrünlandflächen, eine größere Vielfalt bei der Auswahl der angebauten Feldfrüchte sowie die Bereitstellung ökologischer Vorrangflächen auf Ackerland. uro

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eine gut gelebte Gegenwart

Der katholische Geistliche Georg Kallampallil wechselt von Hayingen zur Seelsorgeeinheit Münsinger Alb.  Es war keine leichte Entscheidung. weiter lesen