Das Schauspiel Stuttgart zeigt „Feuerschlange“

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Kein Kinderspiel: Susanne Schieffer in „Feuerschlange“ am Schauspiel Stuttgart. Foto: Marijan Murat/dpa  Foto: 

Immer wieder wird im So-Tun-als-Ob-Modus geballert, Kinder und Erwachsene rennen im Kreis herum, spielen Krieg, liefern sich Schusswechsel mit Holzgewehren und sterben filmreif im imaginären Kugelhagel.

Straßenfasnet oder was? Nein, wir sind in der Spielstätte Nord des Schauspiels Stuttgart und erleben die Uraufführung eines Stücks über deutsche Waffenexporte. Genauer gesagt: Über den weltweiten Erfolg eines der meistverkauften Sturmgewehre aus einer bekannten Firma im Schwarzwälder Ort Oberndorf. Über Waffen, mit denen mexikanische Drogenbosse oder IS-Terroristen morden. Titel des Stücks: „Feuerschlange“ – so haben die Indianer einst die Totmacher-Büchsen genannt. Der Autor Philipp Löhle ist ein vielgespielter Jungdramatiker. Vielleicht, weil er bekennender Nicht-Zyniker ist. Weil er, wie Reza, Rinke und Schimmelpfennig auf Dialoge setzt. Klar, dass ihn Hardcore-Theater-Fortschrittler gerne als „Boulevard“- und „Viel“-Schreiber belächeln.

„Feuerschlange“ ist ein Text, der sich einem blutig-ernsten Thema mit dem Humor der Verzweiflung nähert, aufgefächert in 15 Episoden. Kaiser Wilhelm kommt vor (als größenwahnsinnige Marionette), eine Waffenhymne aus Stanley Kubricks Film „Full Metal Jacket“, ein orientalisches Märchen und eine Krimi-Parodie. Es geht um „Endverbleibserklärungen“ von Waffen und um fragwürdige G36-Exporte von Heckler & Koch nach Saudi-Arabien und in mexikanische Provinzen, in denen eine korrupte Polizei foltert und tötet. Sogar die „politischen Grundsätze der Bundesregierung“ für Rüstungsexporte werden zitiert.

Regisseur Dominic Friedel, ein Löhle-Weggefährte, inszeniert das Stück mit fünf Schauspiel-Profis und 14 Stuttgarter Kindern – was dem Ganzen einen, sagen wir, durchwachsenen, eigenwilligen Charme verleiht. Die Bühne? Ein Kinderhort mit Holzspielzeug. Selbst die ab und zu gezückten Gewehre sind aus Holz. Friedel inszeniert einen kindertheatralen Themenabend: Er streicht vor allem historisch und philosophisch grundierte Szenen, auch solche mit böse-abgründigem Witz.

Heraus kommt so eine entschärfte Fassung. Schade auch, dass er Löhles Musik-Vorschläge weglässt: Machine Head, Dean Martin…Vor allem: In Friedels Regie müssen die Schauspieler den eh humorigen Text oft mit albernem, kindischem statt kindgerechtem  Kasperltheater plattmachen – in diesen verkrampften Witzigkeits-Passagen vergeht dem Publikum das Lachen. Doch der zwischen Satire, Fakten und Melancholie irrlichternde Löhle-Text ist trotz schmerzhafter Kalauer (Lecker & Loch) hintergründig genug, um die gebremste Uraufführung zu überleben.

Friedels Ansatz flutscht besser, wenn er die Kinder agieren lässt. Etwa, wenn die Kleinen mit obligater Merkel-Raute wohlfeile Correctness und Pseudo-Moral aufs Korn nehmen. Über Kinderarbeit, heißt es im Sprechchor ans Publikum gerichtet, regen sich alle groß auf, doch nicht über Kinder, die auf der Bühne „Dinge tun müssen, die sie nicht verstehn: Das ist gut, hä? Das ist süß?“ Freundlicher Beifall.

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