Andreas Mühe im Kunstverein Ulm: Die Quadratur der Wahrheit

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Mächtige unter sich: In einem seiner Werkzyklen hat Andreas Mühe die Verlegerin Friede Springer (rechts) mit ihren Gästen (hier Charlène von Monaco) fotografiert.  Foto: 

Die Fotografie ist die Glaubwürdigkeit an sich. Was die Kamera ablichtet, muss real sein. Eben nicht. Unsere Vorurteile, unsere Erfahrungen, unser Bildgedächtnis gaukeln uns jede Menge vor. Das ist das Thema des Fotografen Andreas Mühe, dessen Ausstellung „Die Quadratur“ jetzt im Schuhhaussaal des Kunstvereins Ulm zu sehen ist.  Die Ulmer Schau ist eine Auswahl aus Arbeiten, die bis Ende August in den Hamburger Deichtorhallen zu sehen waren.

Die dortige Ausstellung hieß „Pathos als Distanz“. „Dass wir für Ulm Arbeiten daraus aussuchen mussten, macht alles etwas intensiver“, sagt Mühe beim Aufbau der Schau im Schuhhaussaal. Der Berliner zeigt Arbeiten aus vier Werkzyklen. Einer davon ist „Obersalzberg“. Daraus hat der 37-jährige Sohn des Schauspielers Ulrich Mühe („Das Leben der Anderen“) eine Serie mitgebracht, die den Stuttgarter Staats-Schauspieler Christian Schneeweiß nackt zeigt.

Posen vom Obersalzberg

Nur sind das keine Aktstudien, Schneeweiß stellt vielmehr Posen nach, die Mühe von Besuchern des Obersalzbergs abgeschaut hat. Gefunden hat er sie auf Aufnahmen von Hitlers Kameramann Walter Frentz.  „Haltung“ heißt diese Serie, die Haltungen von Menschen zeigt, die ihre Haltung längst einer verbrecherischen Diktatur unterordnen.

Dazwischen hat der Fotograf eine Aufnahme von Handschuhen gehängt. Auch mehrdeutig: Wer Handschuhe trägt, will sich seine Finger nicht schmutzig machen.

Diesen 1,50 mal 1,20 Meter großen Aufnahmen hat der 37-Jährige 38 Miniaturen von Weihnachtsbäumen gegenüber gehängt. Eine Dokumentation der Bäume der Familie Mühe? Auch und doch wieder nicht. Denn der Fotograf hat auch diese  Bäume wie die Posen vom Obersalzberg  sozusagen aus zweiter Hand abgelichtet, jeden einzelnen Baum reinszeniert, ihn nach alten Aufnahmen aus dem engeren und weiteren Familienbesitz ausgesucht, geschmückt und abgelichtet. Lediglich das Format ist authentisch: Die Abzüge sind vier mal fünf Zoll groß –  wie der Film einer Großformatkamera.

Doch Andreas Mühe inszeniert nicht nur seine Bildinhalte, er spielt auch mit den Erinnerungsbildern und Klischees. Etwa wenn er eine etwa 15-köpfige Gruppe – Männer, Frauen und Kinder – in einen Wald stellt und sie von einem Ansitz aus ablichtet, also aus etwas erhöhtem Winkel, wie ein Beobachter, Jäger, Grenzschützer? Die Assoziation von Flüchtlingen drängt sich auf.  „Warum?“, fragt Mühe. „Für mich ist das nur eine Familie“, sagt er und setzt doch darauf, dass seine Inszenierung genau das freisetzt, was er sich erhofft hatte. Und das schürt er noch mit der Hängung. Zu den großen Querformaten aus dem Wald gesellen sich Arbeiten einer weiteren Serie: Verlegerin Friede Springer, die mit royalen Gästen einen Blick aus dem Fenster des Springer Presseclubs in die Dunkelheit wirft – nach unten. Irgendwie dorthin, wo Mühe seine Familie im Wald ausgesetzt hat. Sicher kein Zufall, sondern gewolltes Kopf-Kino.

Mühes Quadratur der Realität könnte man auch ins Neudeutsche übersetzen: Fake-Fotos, die sehr viel Wahrheit zeigen.

Öffnungszeiten Die Fotografien von Andreas Mühe sind bis 12. November im Schuhhaussaal des Kunstvereins zu sehen: Mi-Fr 14-18, Sa/So 11-17 Uhr.

Termine Am kommenden Freitag, 6. Oktober, 18 Uhr, und am Samstag, 1. November, 16 Uhr, führt Katharina Ritter, die Ausstellungsleiterin des Kunstvereins, durch die Ausstellung.

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