Hausbesuch vom Pathologen

Reutlingen.  Das Gesundheitssystem krankt. Diagnose: akuter Ärztemangel. Therapie: Neustrukturierung etwa des Bereitschaftsdienstes mit dem Ziel, den Beruf attraktiver zu machen. Doch diese Medizin schmeckt nicht allen.

Eine vielfältige Gemengelage kennzeichnet die Situation der niedergelassenen Ärzte im Kreis. Da ist zum einen die sinkende Zahl der Hausärzte sowohl in der Stadt als auch vor allem auf dem Land. Und diese Ärzte werden immer älter: Im kommenden Jahr sind 26 Prozent der Hausärzte im Landkreis über 60 Jahre alt, aktuell sind acht Prozent von ihnen über 65 Jahre, "im Jahr 2015 wird jeder fünfte Hausarzt über 65 sein", prophezeit Dr. med. Udo F. Gundel - er selber auch. Der 64-jährige Sondelfinger Facharzt für Allgemeinmedizin, Diabetologe und 28 Jahre lang Vorsitzender der Kreisärzteschaft hat sich als gelernter Internist vor 34 Jahren niedergelassen. Seit vier Jahren sucht er einen Mitarbeiter - bislang vergebens.

Auch Kollegen tun sich schwer, Nachfolger für ihre Praxen zu finden. Seit Mitte 2009 sind im Kreis 21 Hausarztsitze unbesetzt, neun davon allein in der Stadt Reutlingen. Nur noch jeder dritte Hausarzt wird nach Berechnungen der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) in den nächsten vier Jahren einen Nachfolger finden. Und "wenn wir nicht die Ärzte aus den Nicht-EU-Staaten hätten", sagt Gundel, ließe sich auch die Abwanderung von Medizinern kaum ausgleichen.

Gründe für diese Entwicklung gibt es viele. Neben dem wuchernden "St. Bürokratius" und dem Kostendruck spielt der Bereitschaftsdienst, landläufig Notdienst genannt, im Rahmen des Sicherstellungsauftrags einer flächendeckenden ambulanten ärztlichen Versorgung sicher eine Schlüsselrolle. Vor allem in ländlichen Regionen wird es immer schwieriger, diesen Notfalldienst zu organisieren. Als Folge schieben niedergelassene Ärzte auf der Alb bis zu 24 Dienste im Jahr, berichtet Gundel, im Stadtbereich sind es nur deren zwei.

Diese Lage vor Ort ist nun auch auf oberster Funktionärsebene angekommen. Bis dahin, so Gundel, "steuerten Politik und Verband sehenden Auges in den Mangel". Der 2011 neu gewählte Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) - die Körperschaft entstand vor sechs Jahren aus dem Zusammenschluss der vier regionalen KVen im Land - hat sich der Herausforderung "mit großem Elan angenommen", lobt Gundel.

Weil der Gesetzgeber die KVBW verpflichtet, Dienstgerechtigkeit herzustellen, wird nun die Notfalldienstordnung für 2012 geändert. Umzusetzen haben diese die vor sechs Jahren eingeführten Kreisnotfalldienstbeauftragten. Diesen Posten haben häufig in Personalunion die Vorsitzenden der Kreisärzteschaft inne. Gundel hat das Vorsitzenden-Amt unlängst abgegeben. Für den Notfalldienst im Kreis ist er weiterhin zuständig, den Umbau des Bereitschaftsdienstes hat er sich persönlich zum Ziel gesetzt.

Südwürttemberg hinkt bei der Reform des Notfalldienstes anderen Regionen hinterher, "aber wir sind auf dem Weg", versichert Gundel. So soll landesweit die Zahl der Notfalldienstbezirke von fast 500 auf unter 150 reduziert werden. Wo immer möglich, soll der Bereitschaftsdienst in einer zentralen Notfallpraxis an einer Klinik erfolgen, hat die KVBW als Ziel vorgegeben.

In Nordwürttemberg ist dies schon an vielen Orten der Fall, der Kreis Reutlingen bekommt das ab Februar 2013, verrät Gundel. Nach positiven Verhandlungen mit der Geschäftsführerin der Kreiskliniken, Dr. Rafaela Korte, sollen jetzt im Januar die Verträge unterzeichnet werden für die "Sitzdienste" der niedergelassenen Ärzte an den Kliniken in den Standorten Reutlingen, Bad Urach und Münsingen.

"Der Patient läuft dann an uns vorbei wie bei einer Triage (der Begriff aus der Militärmedizin bedeutet soviel wie Sichtung, Einteilung)", sagt Gundel. Hier werde entschieden, ob er "überhaupt krank ist oder ambulant behandelt oder stationär aufgenommen werden muss". Letztere Fälle würden direkt zur zentralen Klinik-Notaufnahme nebenan geschickt, die entscheidet, ob der Patient ambulant oder stationär behandelt wird.

Gundels Plan für den kreisweiten Notfalldienst ab 2013 sieht vor, an 115 Diensttagen an Wochenenden und Feiertagen jeweils neun Ärzte einzusetzen - drei sitzen in Reutlingen, je einer in Münsingen und Bad Urach, vier übernehmen den Fahrdienst. Das macht nach seiner Rechnung drei Dienste pro Arzt im Jahr.

Allerdings ist zur Verbesserung jetzt schon die Aufhebung von bisherigen Dienstbefreiungen erforderlich. Alle niedergelassenen Ärzte - nur Kinder-, Augen- und HNO-Ärzte haben eigene Bereitschaftsdienste - und Privatärzte müssten ab dem neuen Jahr an der Bereitschaft teilnehmen, auch in Teilzeit Beschäftigte jeweils anteilig.

Das stößt nicht allenthalben auf Zustimmung. So kritisiert Prof. Dr. Arne Burkhardt - er betreibt im Markthallen-Gebäude eine Pathologie-Praxis - diese "Zwangsverpflichtung": "Pathologen und einige Disziplinen ohne direkten Patientenkontakt hatte man bisher nicht etwa aus Großzügigkeit oder als Vergünstigung, sondern aus gutem Grunde hiervon ausgenommen. Dies deshalb, weil eine Compliance (= Befolgen der ärztlichen Ratschläge, kooperatives Verhalten) der Bevölkerung für die Behandlung durch außerhalb ihres Fachgebietes nicht mehr kompetente alte Ärzte und insbesondere durch einen Pathologen nicht vorhanden sein dürfte." Überhaupt sei die Frage, ob ein Pathologe Kontakt mit lebenden Patienten haben dürfe, im Grundsatz umstritten, argumentiert Prof. Burkhardt. Der heute 68-Jährige leitete lange Jahre das Pathologische Institut am Steinenberg-Klinikum und hat nach eigenen Angaben "seit 40 Jahren keine lebenden Patienten mehr behandelt". Als Zeugen führt er den seinerzeitigen ärztlichen Direktor der Kreiskliniken, Prof. Martin Lenz, ins Feld. Der hatte einmal in anderem Zusammenhang erklärt, er würde es ablehnen, von einem Pathologen behandelt zu werden: "Da möchte ich nicht Patient sein", habe Lenz wörtlich gesagt. "Diese Haltung teilen alle von mir darauf angesprochenen Personen, und ich gehe davon aus, dass der Prozentsatz in der Bevölkerung bei 99,9 Prozent liegt", schreibt Burkhardt unserer Zeitung.

Nun hat aber ein Pathologe - dieser Berufsstand leidet übrigens in Baden-Württemberg überdurchschnittlich unter Nachwuchsmangel - vor dem Bundessozialgericht die strikte Erfüllung des ambulanten Sicherstellungsauftrages durch alle Arztgruppen eingeklagt. "Gerade dieses Pathologenurteil hat bundesweit zu einer flächendeckenden Veränderung des Notfalldienstes geführt, die jetzt im Landkreis Reutlingen eingeführt wird", hält Kreisnotfalldienstbeauftragter Gundel dem entgegen. Burkhardt weiß, dass er hier wenigstens eine Frist zur nachträglichen Ausbildung in Seminaren eingeräumt bekäme.

Einen Ausweg weiß Gundel in dieser Situation dennoch: "Wer den Bereitschaftsdienst nicht wahrnehmen will, muss Ersatz suchen und ihn bezahlen." Er ist sicher, dass einige junge Ärzte mehr Dienste machen werden, das "ist ein Anreiz für Assistenzärzte". Oder aber für erfahrene Ruheständler. Zwei in Reutlingen haben ihre Mitarbeit in der Bereitschaft bereits zugesagt.


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Autor: PETER U. BUSSMANN | 27.12.2011

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