Gräuel im KZ überlebt

Reutlingen.  33 000 Menschen starben im KZ in Theresienstadt. Pavel Hoffmann war als Vierjähriger dorthin gekommen und überlebte, wie er vor kurzem Schülern des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG) berichtete.

Nein, sagt Pavel Hoffmann auf eine Frage eines Schülers der zwölften Klassenstufe des Albert-Einstein-Gymnasiums (AEG). Praktizierender Jude sei er nicht, "ich war 13 Jahre alt, als ich das letzte Mal in einer Synagoge war", berichtet der heute 72-jährige Reutlinger. Ob er sich noch an Ereignisse in Theresienstadt erinnere, fragt eine Schülerin. Nein, sagte Hoffmann erneut. Bewusst könne er auf keine Erinnerungen zurückgreifen. Alles, was er über das Konzentrationslager Theresienstadt im heutigen Tschechien weiß, hat er sich erst in den vergangenen Jahren angeeignet, seitdem er in Rente ist.

Geboren wurde Pavel Hoffmann in Prag als Sohn eines Arztes und einer Ärztin. Der Vater war 1942 von den Nationalsozialisten gefangen genommen und erschossen worden. "Drei Monate später kamen meine Großeltern nach Theresienstadt und wurden kurz darauf in Auschwitz ermordet", berichtet Hoffmann den Schülern. Nur kurze Zeit darauf musste Pavel als Vierjähriger mit seiner Mutter ins Konzentrationslager nach Theresienstadt, "meine Mutter starb dort nach wenigen Monaten". Das Kind überlebte. Wie das vor sich ging, kann sich Hoffmann bis heute nicht genau erklären. "Irgendjemand muss sich meiner angenommen haben", sagt er den Schülern des AEG.

Ein reicher Schweizer sorgte schließlich für ein weiteres Wunder: 1200 Insassen von Theresienstadt fuhren mit einem Zug nicht wie erwartet in Richtung Tod, sondern nach Kreuzlingen in die Schweiz. "Der Mann hat mit Sicherheit viel Geld dafür bezahlt", sagt Hoffmann. Warum? Vermutet wurde, dass der Schweizer die gesammelte jüdische Intelligenz aus dem als "Altenlager" titulierten KZ in Theresienstadt herausholen wollte. Den kleinen Pavel muss irgendjemand mit in den Zug genommen haben. Nach dem Ende des Krieges fand das Rote Kreuz heraus, dass eine Tante und ein Onkel von Pavel die Judenvernichtung durch die Nationalsozialisten überlebt hatten.

In Prag studierte Pavel Hoffmann dann Nachrichtentechnik, 1968 kam er nach Deutschland und lebt seit 1971 in Reutlingen. Ob er denn keine Bedenken gehabt hatte, nach der Vernichtung fast seiner gesamten Verwandtschaft durch die Deutschen ausgerechnet in dieses Land zu gehen. Erneut antwortet Hoffmann mit einem entschiedenen "Nein - als ich 28 Jahre alt war, hatte ich keine Ressentiments gegenüber den Deutschen." Er und seine Frau hätten nicht im Kommunismus in der Tschechoslowakei bleiben wollen. Und da sein Vater Deutscher war, "wurde ich auch gleich hier eingebürgert".

Antisemitische Anfeindungen habe er als Kind öfter erlebt, später aber nur noch ein einziges Mal. "Viele in meiner Umgebung wussten gar nicht, dass ich Jude bin." Die Schüler des AEG stellten auch kritische Fragen: Ob denn Hoffmann hinter der israelischen Palästinenser-Politik stehe? "Das ist nicht mein Thema", sagte er daraufhin. Er betrachte Israel grundsätzlich positiv, vor allem aus einem Grund heraus: "Weil es das einzige Land ist, in dem Jude kein Schimpfwort ist." In Schulen gehe der 72-Jährige nun, weil er einer von ganz wenigen Zeitzeugen ist, der überhaupt noch über die Gräueltaten der Judenvernichtung aus eigenem Erleben heraus berichten kann.

Dabei hat Hoffmann noch einige Zukunftsprojekte vor sich: Er will einen Verein der letzten Zeitzeugen gründen - zuvor muss er sich allerdings auf die Suche nach Überlebenden machen. Sein Bericht am AEG soll zum jährlichen Standardvortrag werden und ein kleines Buch über sein Leben erscheinen. "Ich hoffe, das klappt alles", sagt er. Denn: Das Wissen um die schrecklichen Erlebnisse müsse weitergegeben werden. Damit solch ein Wahnsinn nie wieder geschehen kann.


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Autor: NORBERT LEISTER | 19.08.2011

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