Wenig Geld für viel Wolle

Das waren noch Zeiten, als es für ein Kilo Schafwolle umgerechnet 2,50 Euro auf die Hand gab. Heute müssen die Hobby- und Koppelschäfer froh ein, wenn sie mit dem Geld die Schur bezahlen können.

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Fritz Class aus Breithülen verdient sich seine Brötchen als Schäfer. Früher, als noch mit Mark und Pfennig gerechnet wurde, gab es für ein Kilo Schafwolle rund fünf Mark, erinnert er sich. Doch die guten Zeiten sind schon lange vorbei. Heute muss er froh ein, wenn er noch 1,40 Euro dafür bekommt.

Noch schlechter sind die Hobby- und Koppelschäfer dran, die sich zuhause eine Handvoll oder ein paar Dutzend dieser Wolltiere halten. Sie bekommen einen Bruchteil des Geldes, das die Wanderschäfer erhalten. Das haben sie diese Woche wieder in Breithülen erfahren, wo Joachim Ernst im Auftrag der Baden-Württembergischen Wollerzeugergemeinschaft Wolle aufgekauft hat.

Derzeit ist er im ganzen Land unterwegs. Er betreut 18 verschiedene Annahmestellen. Dorthin kommen die Hobby- und Koppelschäfer aus allen Himmelsrichtungen. Einige haben Anfahrtswege bis zu 50 Kilometer. Heute gibt es solche Sammelstellen innerhalb Deutschlands nur noch im Ländle und in Bayern.

In Breithülen stehen an diesem Tag Auto an Auto. Alle haben einen Anhänger am Haken. Voll beladen bis unters Dach mit brauner, schwarzer oder weißer Rohwolle. Meistens von Merinoschafen. Die ist weicher und elastischer, die andere eher kratzig. Vor ein paar Wochen wurden die Tiere geschoren. Beim Bank- beziehungsweise Bodenscheren kommen im Schnitt pro Schaf zwischen drei und fünf Kilogramm Wolle zusammen, erzählen die Tierbesitzer. Je nach Rasse gibt es feinwollige Vliese (Merinolandschaf), mischwollige Vliese (Steinschaf, Heidschnucke, Rauwolliges Pommersches Landschaf) und schlichtwollige Vliese (Leineschaf), erklärt Joachim Ernst, der mit einer Gehilfin die große Waage im Stall von Schäfer Class aufbaut.

Wenig später spießt Ernst einen Haken in den ersten Wollsack und zerrt ihn auf das elektronische Messgerät. Er zieht ein Stück fettige Wolle heraus, mit den Fingern zupft und streicht er über die feinen Fasern. Dabei erkennt er nicht nur die Qualität der Ware, "sondern den ganzen Hof eines Schafhalters", wie er sagt. Die Feinheit der Wolle ist ein wichtiges Qualitätsmerkmal, eingeteilt in Mikron, in Kategorien von A bis E. AA bedeutet Spitzenklasse. In Breithülen kommt an diesem Tag in erster Linie "Durchschnittsware" zusammen. Pro Kilo gibt es zwischen 30 und 40 Cent für die ungewaschene und voller Dreck angelieferte Schur.

Für die 101 Kilogramm Wolle, die Jakob Burkhardt aus Bühlenhausen mitgebracht hat, erhält er 35,35 Euro bar auf die Hand. "Wenigstens das Benzin ist bezahlt", schmunzelt er und fährt die 14 Kilometer wieder nach Hause.

Garantiert draufzahlen müssen Jürgen Stotz und drei weitere Hobbyschäfer aus Holzelfingen, die 40 Kilometer Anfahrtsweg hinter sich haben. Zehn Kilometer weniger auf dem Tacho hat Helmut Glück aus Kohlstetten. Zwischen 2,50 und drei Euro haben sie pro Schaf für die Schur berappt, rechnen sie vor. Es gehört also viel Idealismus und Tierliebe dazu, wenn man sich als Hobby Paarhufer hält.

Nach fünf Stunden taxieren, wiegen und auszahlen, packt Joachim Ernst die Waage, die Kasse und den Schreibkram zusammen. Knapp zwei Tonnen Wolle sind zusammengekommen. Etwas mehr als im vergangenen Jahr. Aber viel, viel weniger als damals, als Ernst angefangen hat. 1996 waren sieben Tonnen an einem Abgabetermin keine Seltenheit, erinnert er sich.

Die Mischwolle von der Alb lässt Ernst, nachdem er sie gewaschen hat, von einer Spedition nach Bremen bringen. Dort verarbeitet ein Großhändler die Schur weiter, bevor er sie nach Asien verschifft. Dort fertigen in China fleißige Hände aus der schwäbischen Wolle Socken, Plüschtiere, Filzpantoffeln, Puschen, Handschuhe, Westen und Woll-Pellets.

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