Tierschützer: „Es war ein Horrorjahr“

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Diese kleine Katze wurde auf einem Hof gefunden.    Foto: 

Auf dem Papier ist es geregelt. Der Tierschutz steht im Grundgesetz, die Kommunen sind dazu verpflichtet, die Kosten für herrenlose Tiere zu übernehmen und Heime entsprechend zu unterstützen. In Wirklichkeit vergrößert sich das Elend zusehends. Betroffen sind vor allem Katzen. „Es ist der Horror“, sagt Uschi Rollmann, erste Vorsitzende des Münsinger Tierschutzvereins. Sie und ihre Stellvertreterin und Mitstreiterin Gabriele Brendle aus Engstingen schlagen Alarm. Noch nie wurden so viele frei lebende Katzen, die meist auf Bauernhöfen Unterschlupf suchen, aufgegriffen wie in diesem Jahr. Sie waren allesamt in einem erbärmlichen Zustand. Wenn die Augen verklebt sind, Entzündungen oder Flöhe die Tiere plagen, ist die Behandlung schon aufwendig. Mit den  Caliziviren, dem ansteckenden Katzenschnupfen, kommt eine ernsthafte Krankheit hinzu, vor der auch gesunde Tiere nicht geschützt sind. Es sei denn, sie sind geimpft.

Die Appelle der Tierschützer sind ein Notruf. Es geht um Vorsorge und Verantwortung. Alle Katzenbesitzer, die ihren Tieren Freigang ermöglichen, sollten dafür sorgen, dass sich Krankheiten nicht weiter ausbreiten können. Die Population muss begrenzt werden.  Das ist das Hauptproblem. Die Tierschützerinnen sprechen von einer regelrechten Katzenschwemme. Muttertiere, die selbst in einem schlechten Zustand sind, bekommen Welpen, die von Geburt an kaum eine Überlebenschance haben.  Wenn die beiden Frauen auf Höfen die lapidare Antwort erhalten, dass „alles die Natur regelt“, könnten sie aus der Haut fahren. „Das Leiden wird einfach in Kauf genommen, niemand kümmert sich oder zeigt Interesse, dem langsamen Sterben wird zugesehen.“

Und das inmitten des Biosphärengebiets. Uschi Rollmann und Gabriele Brendle kommen an ihre Grenzen. Sie sind nicht selten Feindseligkeiten ausgesetzt. Die Katzen, auch wenn sie verwildert sind, sehen manche als Privatangelegenheit an. Aber auch, wenn sie unterstützt werden, stellt sich die Frage: Wohin mit den aufgegriffenen Tieren? Wer nimmt sich die Zeit, sie medizinisch zu behandeln? Wer übernimmt die Kosten für die Kastration? Pflegestellen sind knapp, und die Heime sind hoffnungslos überfüllt. Uschi Rollmann: „Das Ganze verlangt viel Zeit und Geld, viel Energie, das können wir allein nicht tragen.“ Obwohl die Stadt Münsingen unterstützend tätig ist, sei es der Tierschutzverein, der die Hauptlast trägt und auch kommunale Aufgaben übernimmt. Die Herausforderungen steigen, die aktiven Helfer aber sind rar. „Dieses Jahr ist echt eine Katastrophe.“

Ohne gesetzlichen Druck sei keine Änderung in Sicht. Deshalb fordern die Tierschützer ein Kastrations-, Kennzeichnungs- und Registrierungsgebot für Freigängerkatzen, um das Problem in den Griff zu bekommen. Es gibt bereits Kommunen, die mit gutem Beispiel vorangehen. Zuletzt hat der Rhein-Sieg-Kreis eine entsprechende Verordnung erlassen, mit dem die Katzenpopulation eingedämmt werden soll. Die Besitzer müssen mit Kosten zwischen 90 und 130 Euro pro Katze rechnen. Mit der Regelung wird auf die zunehmende Zahl der verwilderten Katzen, geschätzt sind 10 000, reagiert.

Bundesweit sollen zwei Millionen frei lebende Katzen unterwegs sein. Im Herbst bekommen sie wieder Nachwuchs. Die Tierschutzvereine haben bereits im Frühjahr eine Kampagne gestartet: „Die Straße ist grausam. Kastration harmlos.“ Die Petitionen werden auch von den Münsinger Tierschützern dick unterstrichen. Doch bislang laufen die Bemühungen ins Leere. Dafür häufen sich die Anrufe, wenn mal wieder ein Häufchen Elend entdeckt worden ist. Manche Katzen sind zutraulich, was den Verdacht bekräftigt, dass sie ausgesetzt worden sind, bei anderen bereitet es große Mühe, sie einzufangen. Das Kätzchen, das vor wenigen Tagen in einem erbärmlichen Zustand auf einem Albbauernhof gefunden wurde, saß ganz still. Ein trauriger Anblick. Ohne Hilfe wäre es qualvoll gestorben. Für die beiden engagierten Tierschützerinnen ist dieser Fall Alltag. Aber zur Routine wird’s nie. Es macht halt einen Unterschied, ob solche Katzen weit weg sind oder ob man sie sieht, fühlt und hört wie sie jammern. Die Helfer sind immer dicht dran. Verständlich deshalb auch ihr Frust und ihre Verzweiflung, wenn es trotz Tierschutzgesetz mit dem Katzenelend immer schlimmer wird.

Weitere Infos unter www.tierschutzverein-muensingen.de,E-Mail: kontakt@tierschutz-muensingen.de

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