Südtiroler Schicksale in Zwiefalten

Das Zwiefalter Psychiatriemuseum zeigt viele Facetten zur Geschichte der Klinik und der Psychiatrie. Aber längst sind nicht alle Themen erforscht.

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    Dieses Bild zeigt die "Auswaggonierung" der Südtiroler im Bahnhof Zwiefaltendorf. Foto: 
  • Auf vielen Südtirolfahrten kehrten die Zwiefalter Psychiatriepatienten zumindest kurzfristig in ihre alte Heimat zurück. Fotos: Archiv des Zentrums für Psychiatrie 2/2
    Auf vielen Südtirolfahrten kehrten die Zwiefalter Psychiatriepatienten zumindest kurzfristig in ihre alte Heimat zurück. Fotos: Archiv des Zentrums für Psychiatrie Foto: 
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Viele offene Fragen gibt es etwa bezüglich der Psychiatriepatienten aus Südtirol, die während der nationalsozialistischen Herrschaft nach Zwiefalten gekommen sind. Das Schicksal dieser Menschen treibt Uta Kanis-Seyfried noch heute um. Die akademische Mitarbeiterin im Forschungsbereich Geschichte und Ethik in der Medizin des Zentrums für Psychiatrie versucht die Geschichte der Südtiroler nachzuvollziehen, da auch das Ende des Zweiten Weltkrieges für diese Patienten keine Rückkehr in die Normalität bedeutete. "Sie waren nach Kriegsende staatenlos", so Kanis-Seyfried. "Die Menschen waren in Zwiefalten gestrandet."

Wie war es dazu gekommen? Das nationalsozialistische dritte Reich verhandelte damals erfolgreich mit dem Verbündeten Italien über die Umsiedlung der Deutschen aus Südtirol "Heim ins Reich". Damit sollte die Territorialfrage Südtirols endgültig zugunsten Italiens geklärt werden. Die Bevölkerung Südtirols wurde vor die Wahl gestellt, die italienische Staatsbürgerschaft zu behalten, oder die Deutsche anzunehmen und umgesiedelt zu werden.

Ein Großteil der 200 000 Einwohner des Gebietes entschied sich damals für Deutschland. Feste Quoten wurden vereinbart, wonach 200 Menschen pro Tag abwandern sollten. Nach der ersten Entscheidung zögerten aber viele Südtiroler, da etwa das versprochene Land für die Landwirte nicht vorhanden war. "Um die Quoten zu erfüllen, bedienten sich die italienischen Stellen schon bald bei Altenheimbewohnern und psychisch Kranken." Letztere galten als unmündig, sodass die italienischen Behörden in vielen Fällen die "Option" der deutschen Staatsbürgerschaft wählten.

Ähnlich wurde bei Altenheimbewohnern verfahren, die sich einer Umsiedlung verweigerten. "Sie wurden kurzerhand für psychisch krank erklärt und entmündigt." In einem zeitgenössischen Geschäftsbericht wurde die Situation damals folgendermaßen beschrieben: "Die Kranken waren natürlich nicht dazu in der Lage, ihre Stimme selbst für Deutschland abzugeben; für einen Teil von ihnen wurde dies von den Angehörigen erledigt; bei den anderen ließ sich die deutsche Volkszugehörigkeit aus dem Geburtsort und dem Namen nachweisen." Eine wirkliche Wahl hatten diese Menschen also nicht.

Dr. Alberto Rezza, Direktor der italienischen Anstalt in Pergine, und Dr. Walther Simek, Beaufragter der Auslandsabteilung der Reichsärztekammer, begannen daraufhin im Mai 1940 mit den Vorbereitungen für einen Krankentransport. Mit italienischen Kurzzeitpässen und begleitet von Schwestern und Pflegern aus Pergine machte sich der Zug auf den Weg. Pikantes Detail: Die Dienststelle Umsiedlung Südtirol (DUS) war nicht involviert. "Möglicherweise war eine Einbürgerung der Südtiroler Patienten also zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt", vermutet Kanis-Seyfried. Deutsche Staatsbürger wurden sie mit der Umsiedlung also nicht.

Der Sonderzug mit 299 Patienten kam am 26. Mai 1940 in Zwiefaltendorf an, wo der Zwiefalter Anstaltsleiter Dr. Alfons Stegmann mit seinem Personal wartete. Stegmann beschrieb die Ankunft als äußerst problematisch, viele Patienten seien "überaus erregt" und in einer körperlich schlechten Verfassung gewesen, nicht alle seien zudem der deutschen Sprache mächtig gewesen. Ein Indiz dafür, dass sich Italien mittels des Abkommens generell von den eher kostenintensiven Pflegepatienten trennen wollte.

"Das scheinbar wichtigste für beide Seiten war der erfolgte Transfer, der mit dem Ausbürgerungsschein auch verwaltungstechnisch seinen Abschluss fand", so Kanis-Seyfried. Während die Betroffenen sich nun in der neuen Klinikumgebung zurechtfinden mussten, machte das italienische Begleitpersonal mit seinen deutschen Kollegen eine Besichtigungsfahrt nach Stuttgart und München.

Für die südtiroler Psychiatriepatienten begann nun eine schwierige Zeit. Zwar gibt es keine Hinweise, dass die Südtiroler bereits im Zuge der "Aktion T4" in Grafeneck ermordet wurden, doch im Zuge der folgenden "dezentralen Euthanasie" und der Weltkriegsfolgen war die Sterblichkeit in den Psychiatrien im Dritten Reich generell sehr hoch. Von den 299 aus Pergine nach Zwiefalten verschleppten Menschen starb bis Kriegsende etwa die Hälfe. Nur eine Handvoll Menschen war zuvor von Angehörigen aus der Anstalt gebracht worden, entweder zurück nach Südtirol oder in die neue Heimat der Umgesiedelten. Nach Kriegsende galten viele der Südtiroler als "staatenlos", ohne weitere Unterstützung blieb ihnen oft nur die Anstalt als neue Heimat.

Soziale Kontakte nach Südtirol waren bis dahin oft abgebrochen. "Mit dem Bekanntwerden der nationalsozialistischen Krankenmorde glaubten offensichtlich auch viele südtiroler Familien, ihre Angehörigen seien ermordet worden", so Kanis-Seyfried. Mit den Jahren arrangierten sich viele Patienten mit ihrem Schicksal. So etwa Josef Demetz, der sich als Vorbeter im Zwiefalter Münster engagierte und der 1998 als letzter der "Südtiroler" in Zwiefalten starb.

Aber auch die Bindung an die alte Heimat ging nie verloren: So war Demetz im "Verein der Südtiroler" aktiv und nahm an zahlreichen "Urlaubsfahrten" teil, welche die Klinik nach Südtirol organisierte. Der Arzt Johannes May und der Oberpfleger Albert Altherr hatten erkannt, wie wichtig ihren Patienten die alte Heimat war und setzten sich für diese Urlaubsreisen ein. Dabei kam es oftmals auch zu rührenden Szenen beim Wiedersehen mit Angehörigen und Bekannten in Südtirol. Aber längst nicht alle Psychiatriepatienten waren dort gerne gesehen. "Manche hat man auch vom Hof gejagt", berichtet Kanis-Seyfried. Verdrängung stand mancherorts an erster Stelle.

Auch bei Josef Demetz. Er wünschte sich eine Beerdigung in Südtirol. Eine erste Anfrage wurde damals verneint, auf dem Friedhof in St. Ulrich sei "kein Platz", beschied der damalige Bürgermeister. Erst als der Verein "Heimatferner Südtiroler" um den Gammertinger Joseph Pfattner einschritt, wurde Demetz 2004 in Zwiefalten exhumiert und in St. Ulrich im Grödnertal bestattet. Wie sehr ihn die Zeit des Nationalsozialismus und seine unfreiwillige Umsiedlung bis zuletzt prägten, zeigte auch sein immer wieder artikulierter Wunsch, nach seinem Tod nicht verbrannt zu werden. Er wolle "auf keinen Fall den Schornstein hochgehen", hatte der Südtiroler immer wieder gesagt.

Die Geschichte der Psychiatrie in Zwiefalten

Serie In loser Folge wollen wir an dieser Stelle die Entwicklung und Geschichte der Psychiatrie in Zwiefalten darstellen. Von der ersten königlich-württembergischen Irrenanstalt bis hin zur heutigen Zweigstelle des Zentrum für Psychiatrie Südwürttemberg.

Fragen Zur Erforschung der Geschichte der Südtiroler in Zwiefalten hat Dr. Uta Kanis-Seyfried konkrete Fragen an die Zwiefalter und Augenzeugen aus der Region. "Grundsätzlich sind wir an jeder Information über die Südtiroler Patienten interessiert, auch an Erzählungen und persönlichen Erlebnissen mit diesen", so Kanis-Seyfried. Auch Bilder sind gesucht, ebenso wie Ausstellungsstücke für das Psychiatriemuseum: Eine alte Holzsitzbank aus einem Zug und ein historisches Straßenschild "Zwiefaltendorf".

AT

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