Stimmung ist "positiv aufgeregt"

Immer wieder tauchen junge Handwerker auf Wanderschaft im Straßenbild auf. Eher ungewöhnlich der Anblick, der sich kürzlich in Münsingen bot: Eine Gruppe von gleich neun Gesellen kam durch die Stadt.

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Tippelbrüder auf der Durchreise in Münsingen: Die Gruppe hat kürzlich Lasse "Fremder Schreiner Aspi Axt und Kelle" (Vierter von rechts) auf seinem Weg heraus aus der 50 Kilometer umfassenden Bannmeile begleitet.  Foto: 

Das Gros der Handwerksgesellen, die sich auf die Walz begeben, gehört einer von fünf Vereinigungen, den sogenannten Schächten, an. Schon seit Ende des 19. beziehungsweise Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es die "Rolandsbrüder", die "Fremden Freiheitsbrüder" und die "Freien Vogtländer". Die neunköpfige Gruppe, die kürzlich unter dem Schatten eines Baums im Münsinger Industriegebiet Mittagsrast machte, gehört dagegen zum Schacht "Axt und Kelle". Diese Gesellenvereinigung wurde vor 33 Jahren gegründet und sie nimmt, im Unterschied zu den genannten traditionellen Schächten, auch Frauen auf. Die Gruppe eskortierte den jungen Rommelsbacher Lasse aus der Bannmeile heraus. Denn ein Handwerksgeselle, der sich dazu entscheidet, auf Wanderschaft zu gehen, darf drei Jahre und einen Tag lang nicht näher als 50 Kilometer an seinen Heimatort herankommen. Diese Strecke legen die beiden Tischlerinnen, ihr männlicher Kollege sowie ein Gerüstbauer, ein Steinmetz und drei Zimmerer in der ersten Woche zusammen mit dem Neuling auf der Walz zurück. Die Überschreitung der Bannmeilengrenze ist dabei der entscheidende Schritt. Anschließend wird er noch drei Monate lang von einer der Tischlerinnen begleitet. In dieser Zeit muss er sich die Gebräuche und Vorschriften der "Tippelbrüder" aneignen, denn später ist er auf sich alleine gestellt. Und das heißt: Er muss die Regeln des zünftigen Reisens kennen, wissen, wie er bei örtlichen Betrieben für Arbeit vorzusprechen hat, wie die Schlafplatzsuche vonstattengeht und welche Gebräuche er beachten muss. Dazu gehört, nie länger als drei Monate an einem Ort zu bleiben. "Wenn der Hund des Nachbarn dich nicht mehr anbellt, ist es Zeit zu gehen", lacht einer der Gesellen. Außerdem darf kein Geld für das Vorankommen oder Übernachtungen ausgegeben werden. Handy und Internet sind in dieser Zeit tabu, so müssen sich Eltern und Angehörige mit Postkarten oder einem Anruf aus dem Betrieb des aktuellen Arbeitgebers begnügen.

Während der Wanderschaft legt der Geselle auch seinen Nachnamen ab und weist nach dem Vornamen auf seinen Beruf, seinen Status und seine Zugehörigkeit hin: Lasse "Fremder Schreiner Aspi Axt und Kelle" berichtet im Gespräch mit unserer Zeitung über seine Motive: "Ich möchte reisen und dabei Land und Leute kennenlernen sowie mich in meinem Beruf fortbilden". Er verweist auf regionale Unterschiede bezüglich der Arbeitsweise und den verwendeten Materialien. Zudem freue er sich darauf, Menschen kennen zu lernen, da er auf Kontakte angewiesen sei. Nicht zuletzt interessiert es den Tischlergesellen, nach Möglichkeit Einblick in andere Berufe wie Zimmerer, Dachdecker oder Bootsbauer zu bekommen.

Die Motive für die Wanderschaft sind sehr persönlich und variieren stark, hat Knut "Fremder Tischler Aspi Axt und Kelle" beobachtet. Oftmals plant der Wandergeselle die Übernahme des elterlichen Betriebs und will vorher noch einmal die Unabhängigkeit und das Abenteuer genießen. Knut selbst ist gebürtiger Hamburger, hat seine Tischlerausbildung in Kiel gemacht und festgestellt, wie stark sich die Arbeitstechniken zum Beispiel in kleinen Betrieben in Oberfranken von denen, die er gelernt hat, unterscheiden. Wichtig ist auch der Kontakt zu den Menschen in der Region. Dieser ergibt sich bei der Arbeit genauso wie durch die Schlafstelle zum Beispiel bei der Familie des Firmenchefs. "Ich habe bislang nie länger als eine Woche nach Arbeit gesucht", sagt Knut.

Doch zurück zu Lasse: Er räumt ein, mit gemischten Gefühlen losgewandert zu sein und schildert seine Stimmung als "positiv aufgeregt". "Ich bin gespannt auf die Zeit meiner Wanderschaft", so Lasse weiter und lobt seine Begleiter: "Die Gruppe unterstützt mich wirklich toll, der Umgang ist richtig familiär".

Schätzungsweise 400 bis 500 junge Handwerksgesellen aus dem deutschsprachigen Raum sowie Dänemark, Frankreich und Luxemburg gehen in der Vereinigung "Axt und Kelle" alljährlich auf Wanderschaft, berichtet Knut.

Dafür müssen verschiedene Voraussetzungen erfüllt sein: Der Tippelbruder muss einen Gesellenbrief haben, darf noch keine 30 Jahre alt sein, muss schuldenfrei und nicht wegen einer schweren Straftat vorbestraft sein sowie unverheiratet und kinderlos. Wer sich für die Walz entscheidet, muss obendrein jemanden aus dem Schacht kennen, da es keine offizielle Stelle gibt, um sich zu bewerben. Nach der Wanderschaft bleibt der Betreffende für den Rest seines Lebens als Teil des Netzwerks ein "Wandergeselle", der zum Beispiel andere Tippelbrüder bei Bedarf unterstützt.

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