Springkraut, Bärenklau und Co.

Sie sind meist kräftiger und farbenprächtiger als die heimische Flora. Die Rede ist von den Neophyten, die die heimische Pflanzenwelt verdrängen. Und einige von ihnen sind zudem für den Menschen gefährlich.

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In Zukunft wohl ohne Chance: die einheimische behaarte Karde.  Foto: 
Über 12 000 Neophyten oder Einwanderer gibt es in der gesamten Republik und viele gehören längst zum täglichen Leben, denn auch Tomate, Kartoffel, Bohne, Topinambur oder Meerrettich sind eigentlich Neophyten und stammen meist aus den USA. Einige von ihnen haben sogar schon den Eingang in die Rote Liste gefunden, sind also bereits bei uns bedroht, wie zum Beispiel die Wildtulpe (sie stammt aus Vorderasien) oder die Schachblume (sie kommt vom Balkan), wie Günter Künkele, Naturschutzwart für die Landkreise Reutlingen, Alb-Donau und Esslingen, erklärt. Doch Künkele sieht inzwischen eine gewisse Sensibilisierung der Bürger gegenüber den Einwanderern. Vor Jahren gab es noch entlang der Ortsdurchfahrt von Buttenhausen, vor allem neben den Dunglegen, Ansiedlungen des Indischen Springkraut, „heute steht da gar nichts mehr“, so Künkele. Ähnlich ist es um dem Riesenbärenklau bestellt, der vor Jahren beim Bahnhof Oberheutal eine stattliche Fläche besiedelt hatte – auch er ist weg.

Dennoch, gänzlich verdrängen werden sich die Neophyten nicht mehr lassen. Wo sie dominieren geht eine Umgestaltung der Flora einher. Als Beispiel Nummer eins führt hier Künkele die kanadische Wasserpest an, die man in stehenden und langsam fließenden Gewässern findet. So hat Künkele an der Zaininger Hüle große Bestände ausgemacht. Die sichtbaren Oberteile aber auch das massive Wurzelwerk beherrschen dort längst das Gewässer. Die Folge: heimische Algen, Froschbiss oder Wasserschlauch verschwinden, so Künkele.

Ähnlich sieht es beim Indischen Springkraut aus, das mit Höhen bis zu zwei Metern die heimischen Springkräuter verdrängt, aber nicht nur die. „Als Hochstaudengewächs an schattigen Waldrändern und Fließgewässern lässt es darunter kaum Bewuchs zu“, betont Künkele, „behaarte Disteln, Karden oder Baldrian verschwinden“. Erst kürzlich hat der Naturschützer einen neuen Bestand im Fischburgtal ausgemacht – „eine absolute Katastrophe für den dortigen Schluchtwald.“ Bis zu 4000 Samen habe eine einzige Pflanze, die Schleuderweite liege bei sechs bis sieben Metern. „Da weiß man wie der Bereich in ein, zwei Jahren aussieht“, sagt Künkele.

Ähnlich stelle sich die Situation mit der kanadischen Goldrute dar. Auch sie ist ein kräftiges Hochstaudenkraut, das den einheimischen Pflanzen wenig Chancen lasse. Zudem trete es oft gemeinsam mit dem Indischen Springkraut auf. „Ganze Hänge werden damit überwuchert“, so Künkele.

Der nächste Kandidat ist der Japanknöterich. Bestände hat Künkele an der Straße bei Böhringen ausgemacht, aber auch in der Holzelfinger Steige. Die Hochstaude wird bis zu vier Metern hoch, die Wurzeln reichen bis zu zwei Metern in die Tiefe, das dichte Blattgewirr lasse kein Sonnenlicht durch. „Da weiß man, was mit den heimischen Arten unten am Boden passiert,“ betont Günter Künkele.

Was viele nicht wissen, auch die Robinie ist ein Neophyt. Der Baum wächst an warmen Straßen- und Waldrändern sowie feuchten Hängen und bildet dort ganze Galerien, wie beispielsweise im unteren Bereich der Ulmer Steige. „Bergahorn, Erlen und Buchen werden da komplett zudeckt“, so Künkele, „auch die mageren Halbtrockenrasen (Orchideenstandorte) in der Nähe der Robinie verschwinden“.

Riesenbärenklau und Ambrosia sind dann zwei Neophyten, die nicht nur die heimische Flora verdrängen, sie können auch dem Menschen gefährlich werden. Der Riesenbärenklau, bei der Grünschnittdeponie am Münsinger Kohl stehen mehrere Pflanzen, erreicht eine Höhe bis zu 2,50 Meter. „Unter diesem Schirm wächst nichts mehr“, so Künkele. Kontakt mit dem Pflanzensaft unter Sonneneinstrahlung kann aber zu schweren Hautschädigungen führen, betont der Naturschützer. „Rötungen und Juckreiz sind dabei noch das harmlosere, die Berührung kann Verbrennungen dritten Grades erzeugen“, erklärt Künkele.

Noch üblere Auswirkungen kann der Kontakt mit der Beifußambrosia (amerikanisches Traubenkraut) haben. Ihre Ausbreitung erfolgt entlang den Straßen, da das Gewächs salzhaltige Böden mag. „Der Winterdienst leistet dem Wuchs natürlich einen ungeheuren Bärendienst“, so Künkele. Die Pollen lösen Allergien aus. Und da die Ambrosia erst später blüht, verlängert sie automatisch die Leidensphase der Allergiker. Aber noch schlimmer, so Künkele, „die Ambrosia kann Kreuzallergien auslösen“. Will heißen, wer bislang gegen die Pollen von Korbblütlern wie Gänseblümchen oder Margeriten gefeit war, der kann im Zusammenspiel mit Ambrosiapollen auch auf diese allergisch reagieren. Einziger Lichtblick: Auf den Höhen der Alb ist die Ambrosia bislang noch nicht angekommen und Reutlingen hat sein Ambrosia-Problem bei Sondelfingen in den Griff bekommen, schließt Künkele.

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