Solo für Chrysi Taoussanis: Effi Briest als Erzähltheater

Theodor Fontanes "Effi Briest" fesselte am Freitag die Besucher der Kreissparkasse Münsingen. Solodarstellerin Chrysi Taoussanis glänzte in der Erzähltheaterversion des Stücks mit beeindruckender Spielleistung.

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Die Schaukel bestimmt das Bühnenbild: Chrysi Taoussanis gastierte mit Effi Briest als Erzähltheater in Münsingen. Foto: Sabine Herder

Eine Geschichte von Status und Moral, Gefühlen und Bedürfnissen, Gesellschaft und Persönlichkeitsentfaltung - Theodor Fontanes gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschriebener Roman "Effi Briest" ist ein Klassiker, freilich schon etwas angestaubt. In einer 80-minütigen, komprimierten Form als Erzähltheaterversion jedoch hat Regisseurin Karin Eppler das Stück für die Reutlinger Tonne wieder auf Hochglanz gebracht. In der Reihe der Forumsveranstaltungen der Kreissparkasse war das Theatersolo am Freitag in Münsingen zu sehen. Einzige Darstellerin: Chrysi Taoussanis. Sie spielt die Effi und Mutter Luise, Vater Briest und Baron von Ingstetten, Major Crampas und Sidonie von Grasenabb, Apotheker Gieshübler und die Freundinnen Herta und Hulda. Neben all jenen Rollen ist sie auch noch Erzählerin - und löst die anspruchsvolle Aufgabe mit Bravour.

Gewandt springt sie zwischen den Figuren hin und her: Anfangs die kindlich unbeschwerte, temperamentvolle Tochter aus gutem Hause, zugleich aber auch die schnatternden Freundinnen und die standesbewusste, mahnende Mutter. Auf der Schaukel, die das Bühnenbild bestimmt, nimmt Effi Schwung in ein neues Leben: Vom unbändigen, ahnungslosen Kind in die Status versprechende Ehe mit dem wesentlich älteren und prinzipientreuen Baron von Ingstetten.

Es kommt, wie es kommen muss: Im Provinzkaff Kessin, umgeben von "mittelmäßigem Umfeld", schmelzen Effis rosarot-romantische Blümchenvorstellungen wie Schnee in der Sonne, machen Langeweile und Trostlosigkeit Platz. Sie schreibt nach Hause. "Briest, das Kind ist einsam!", berichtet Mutter Louise ihrem Gatten.

In ständigem Rollenwechsel schlüpft Taoussanis mal in die eine, mal in die andere Figur. Sie führt Dialoge mit unsichtbaren Gesprächspartnern, baut sich als Baron Ingstetten sittenstreng und lehrerhaft auf, lästert als Provinzdame von Grasenabb spitz über andere, gibt gewandt den Macho Major Crampas, der der lebenshungrigen Effi schließlich zum Verhängnis wird. Bei einer Kutschfahrt funkt es zwischen beiden. Die Affäre ist für Effi Rettung und moralischer Konflikt zugleich: gesellschaftlich verwerflich und doch das, was sie sich ersehnt.

Tonfall, Mimik, Körperhaltung, Beleuchtung und Musik unterstützen den permanenten Wechsel von einer Figur zur nächsten, so dass auch die Zuschauer keine Schwierigkeiten haben, den Rollenwechseln der Tonne-Mimin und der Spielstruktur zu folgen. Taoussanis versteht es, den Charakteren Kontur zu verleihen und sie wiedererkennbar zu machen. In fließender Erzählung wird das Publikum rund 80 Minuten lang gefesselt, und dennoch, trotz einer innewohnenden, spielerischen Leichtigkeit, mit der Tragik der Geschichte konfrontiert: Jahre später, der Liebhaber mit dem Wechsel des gesellschaftlichen Schauplatzes längst vergessen, findet Ingstetten zufällig die Briefe des Majors, die Effi leichtfertig aufbewahrt hat. Als "Mann von Stellung und guten Sitten" fordert Ingstetten den Major zum Duell und tötet ihn, die Ehe wird geschieden.

Effi, nun gesellschaftlich geächtet, von ihrem Kind getrennt und selbst von Ihren Eltern verstoßen, findet kein Glück mehr. Die Tochter kann sie später einmal sehen - sie begegnet ihr "abgerichtet" in höflicher Beziehungslosigkeit. Nur die Eltern fragen sich irgendwann: "Ob wir nicht Schuld sind?" "Lass, Luise", entgegnet Vater Briest, "das ist ein zu weites Feld."

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