Schweine verschicken SMS

In den Kernzonen des Biosphärengebiets gelten für die Jagd Einschränkungen. So entstehen Rückzugsgebiete für Wildschweine. Ein "Schwarzwildprojekt" soll Erkenntnisse über Folgen für die Umgebung liefern.

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  • Inwieweit Wildschweine die Kernzonen im Biosphärengebiet Alb als Rückzugsraum nutzen, soll jetzt das "Schwarzwildprojekt" klären. Foto: Archiv 1/3
    Inwieweit Wildschweine die Kernzonen im Biosphärengebiet Alb als Rückzugsraum nutzen, soll jetzt das "Schwarzwildprojekt" klären. Foto: Archiv
  • Nächtliches Foto: Wildschweine vor der Falle. Fotos: Wildforschungsstelle 2/3
    Nächtliches Foto: Wildschweine vor der Falle. Fotos: Wildforschungsstelle
  • Ein mit einem Satellitenhalsband versehenes, geschossenes Wildschwein. 3/3
    Ein mit einem Satellitenhalsband versehenes, geschossenes Wildschwein.
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Den Wildschweinen in der Region geht es offenbar gut. Die Zunahme des Maisanbaus und höhere Temperaturen als Folge der Klimaerwärmung lassen die Population wachsen. Das führt regelmäßig zu Konflikten, sei es mit Landwirten oder Fußballern, die auch auf der Alb über zerfurchte Rasenfelder klagen.

Die Jagd ist eine Möglichkeit den Bestand an Wildschweinen zu regulieren. In den Kernzonen des Unesco-Biosphärengebiets ist dies zwar grundsätzlich verboten, doch um die wertvollen Schlucht- und Hangwälder vor allzu starkem Verbiss durch Rotwild zu schützen, gilt im Biosphärengebiet Alb eine bis 2015 befristete Ausnahmeregelung, die dann überprüft wird.

Die Idee, Wildschweine könnten in den Kernzonen eine sichere Basis finden, um von dort aus ungestört auf Nahrungssuche zu gehen, liegt nahe. Doch entspricht dies der Realität? Um darauf verlässliche Antworten zu finden, wurde im Biosphärengebiet unter der Regie der Wildforschungsstelle Aulendorf ein Schwarzwildprojekt gestartet. Die Akteure informierten am Dienstagabend im Biosphärenzentrum die weit mehr als 100 Zuhörer über die Ziele und die Hintergründe der Untersuchung. Eingangs wertete der Kreisbauernvorsitzende Gebhard Aierstock die Untersuchung als "wichtiges Projekt für die Landwirtschaft" und German Kälberer, stellvertretender Kreisjägermeister in Kirchheim/Teck, verwies auf das wichtige Ziel, "Fakten zu sammeln", um endgültige Regelungen für die Jagd aufzustellen. Dafür werden Informationen über "Bewegungsmuster sowie Verbindungen zwischen der Kernzone und dem Offenland" benötigt, erläuterte Dr. Gerhart Pauritsch-Jacobi vom Fachreferat Naturschutz des Regierungspräsidiums.

Zuständig für die wissenschaftliche Erhebung der notwendigen Daten ist Peter Linderoth von der Wildforschungsstelle Aulendorf. Das Landwirtschaftsministerium ist Auftraggeber für das Projekt, das in eine weitergehende Untersuchung über die Schwarzwildproblematik im Umfeld von Schutzgebieten eingebettet ist. Im Vordergrund stehen Fragen nach den Folgen der jagdlichen Ruhezonen für die Streifgebiete der Tiere, ihren Aktivitätsrhythmus oder deren zeitliche Nutzung. Zwei Kernzonen werden untersucht, nämlich die am "Föhrenberg" und das "Glastal". Vergleichsdaten werden im Norden des Altdorfer Waldes erhoben, dort ist kein Schutzgebiet eingerichtet. Die Wildschweine werden mit Hilfe von Fallen gefangen und dann mit Sendern ausgerüstet. Die knapp ein Kilogramm schweren Halsbänder sind mit einem Schloss ausgestattet, das sich automatisch nach einem Jahr öffnet, damit es nicht in den Hals der Tiere einwächst. Wichtigster Bestandteil ist eine Handykarte mit GPS-Ortungsgerät. In auch nachträglich beliebig veränderbaren Intervallen wird die Position des Wildschweins ermittelt und per SMS an die Forschungsstelle übertragen. "Es gibt nicht überall Empfang, manchmal schicken die Schweine längere Zeit keine SMS", sagte Linderoth. Ein Zwischenspeicher hält die Daten fest und schickt sie später ab. Die Bewegungsmuster werden in Karten dokumentiert. Rund 3000 Euro kostet ein Satellitenhalsband, zehn davon sollen eingesetzt werden. Erkennt ein Jäger solch ein Schwein, sollte er auf den Abschuss verzichten, bat Linderoth. Falls es bereits zum Abschuss gekommen sei, bat er in jedem Fall um Informationen zum Standort, da die Ortungshalsbänder von Mitarbeitern der Wildforschungsstelle geborgen und dann weiterverwendet werden. Klar ist, dass Landwirte, Jäger, Kommunen und Behörden an einem Strang ziehen müssen. So benötigt die Wildforschungsstelle aktuelle Informationen von Jägern, die ein Wildschwein mit Halsband gesehen haben. "Standort, Größe und Uhrzeit der Sichtung" seien wichtig, so Linderoth. Innerhalb des Projekts ist zudem ein moderiertes Schwarzwildmanagement geplant. Zuständig dafür ist Niels Hahn, der dies zuvor bereits für die Stadt Münsingen durchgeführt hatte. Nach der endgültigen Abgrenzung des Projektgebiets soll ein Meldesystem für Schwarzwildschäden eingerichtet werden. Ganz wichtig sei es, die Schäden zu melden und nicht nur zwischen Jagdpächter und beispielsweise dem Landwirt intern zu regeln. Im April soll sich die Koordinationsgruppe erstmals treffen, das Meldesystem könnte dann im Mai fertig sein, sagte Hahn.

Das Projekt, an dem zudem das Institut für Wildtierökologie der Uni Freiburg, das Biosphärenzentrum, das Kreisforstamt und der Bundesforst beteiligt sind, läuft drei Jahre.

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