Es fehlt an Fachkräften

Das Thema lässt sich nicht mehr lange verdrängen: Die Zahl der Pflegebedürftigen wird drastisch ansteigen. Gleichzeitig sinkt die Bereitschaft in helfenden Berufen zu arbeiten. Der Notstand droht.

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Pflegedienst der Diakonie: Erika Schmauder (l.), Rita Kurz und Lothar Schnizer freuen sich über die Bestnoten bei der MDK-Prüfung. Foto: Gudrun Grossmann

. Lothar Schnizer, Leiter der Münsinger Diakoniestation, könnte sich zufrieden zurücklehnen, wenn die Lage nicht so ernst wäre. Gerade sind die Leistungen der ambulanten Pflege, für deren Qualität er verantwortlich ist, vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) mit Bestnoten bewertet worden. Eine glatte Eins gabs jeweils für die Grundversorgung, für die ärztlich verordnete Pflege, für Organisation und Dienstleistung allgemein und die Zufriedenheit der Kunden. Zusammengefasst kann man sagen: Besser gehts nicht.

Das Bewertungssystem der seit 2009 jährlich durchgeführten MDK-Prüfungen basiert auf dem Zufallsprinzip. Durch die Stichproben - in Münsingen wurden zehn Pflegebedürftige und Kunden ausgewählt - kann die Qualität der Arbeit in stationären Einrichtungen und bei ambulanten Diensten besser nachvollzogen werden.

Die Transparenz ist ein wichtiger Aspekt. Jedes Kriterium, auch die Abrechnungs-Praxis, das zu einer Bewertung geführt hat, lässt sich nachvollziehen. Wer heute denkt, dass er solche Innenansichten nicht braucht, kann morgen schon damit konfrontiert sein. Nach Modellrechnungen wird sich die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit rund 2,4 Millionen Menschen bis zum Jahr 2050 mehr als verdoppelt haben.

Es fehlt an Fachkräften, noch immer krankt das System, werden Angehörige und Pflegebedürftige allein gelassen. Die geplante Reform soll erst in zwei Jahren umgesetzt werden. Vielen ist sie zu halbherzig und ungeeignet, den drohenden Notstand noch abzuwenden.

Hinzu kommt, dass die Pflegeversicherung vor großen Finanzierungsschwierigkeiten steht.

Lothar Schnizer ist von seinem Grundverständnis her kein Schwarzseher. Aber auch er braucht sich nur einmal die demoskopische Entwicklung in Münsingen anzusehen. "Im Jahr 2009 lag der Anteil der über 80-Jährigen bei 690, im Jahr 2015 werden es schon 850, im Jahr 2030 bereits 1230 sein." Im gleichen Zeitraum steigt die Zahl im Landkreis Reutlingen von 13 440 bis 22 740 und in Baden-Württemberg von 523 790 auf 867 530 an. Mit dem Alter erhöht sich das Risiko, zum Pflegefall zu werden. Es genügt eine grobe Rechnung, um aufzuzeigen, dass auch die professionell geführten Pflegedienste an ihre Grenzen kommen werden.

Bei der "Diakoniegesellschaft Münsinger Alb" sind 38 Pflegekräfte beschäftigt. Lothar Schnizer, Pflegedienstleiterin und Qualitätsbeauftragte Erika Schmauder und ihre Stellvertreterin Rita Kurz, geben die Bestnoten durch die MDK-Prüfer an ihr Team weiter. Alle zusammen hätten das tolle Prüfungsergebnis erarbeitet, würden sich tagtäglich anstrengen, um die bestmögliche Versorgung zu gewährleisten.

Nur: Wie lange kann dies noch durchgehalten werden? Ohne die Hilfe von Ehrenamtlichen - insgesamt 65 Männer und Frauen setzen sich bei der Nachbarschaftshilfe, in der Tagespflege, für das Angebot "Essen auf Rädern" ein - müssten schon jetzt große Abstriche gemacht werden.

"Die Zukunft hat eigentlich schon begonnen", sagt Lothar Schnizer. Niemand könne sich auf den Lorbeeren ausruhen, es gelte, die Augen offen zu halten, zu schauen, wo es klemmt, wo mit neuen Ideen - ein gutes Beispiel ist der soeben eingeführte Einkaufsservice - Probleme gelöst werden können. Auf jeden Fall werde sich das Berufsbild der examinierten Pflegekraft ändern. Und das Einsatzgebiet. Alles läuft darauf hinaus, dass die grundpflegerische Versorgung verstärkt ungelernten Kräften übertragen wird. Nur mit konzeptionellen Änderungen könnten die bevorstehenden Engpässe bewältigt werden.

Die Fachkräftelücke lässt sich dadurch nicht schließen. Lothar Schnizer sieht maßgeblich die Politik gefordert. Die Pflegereform sieht zwar vor, dass es für die Pflege demenzkranker Personen künftig mehr Geld geben soll und diese Krankheit insgesamt stärker berücksichtigt wird. Aber ansonsten vermisst er eine deutliche und dringende Anpassung. Erika Schmauder und Rita Kurz pflichten ihm bei. In den Jahren 1995 bis 2008 sei das Pflegegeld unverändert geblieben, danach gab es lediglich eine leichte Anhebung. Richtschnur aber müsse der tatsächliche Bedarf sein. Und der liege weit höher, als es bis jetzt in der geplanten Reform festgeschrieben ist. Es scheint, dass die Basis weitaus besser Bescheid weiß, als der Politiker, der letztendlich entscheidet.

Info Im Internet unter www.diakoniegesellschaft-muensingen.de und unter Telefon: 0 73 81/93 29 33 40

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