Ein Tunnel als Endstation

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  • In der Stadt Gorizia und in Pordenone sind mehrere hundert Menschen gestrandet. Oben links Imad Alaliwi mit Hilfsgütern aus Münsingen. Unten: Ein Ärzteteam gibt im Tunnel Mediakamente aus.  4/4
    In der Stadt Gorizia und in Pordenone sind mehrere hundert Menschen gestrandet. Oben links Imad Alaliwi mit Hilfsgütern aus Münsingen. Unten: Ein Ärzteteam gibt im Tunnel Mediakamente aus. Foto: 
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Es ist immer noch unklar, an was Kamail Singh gestorben ist. Sein Leben endete in einer Tiefgarage in Italien. Er lag tot in einer Ecke, ohne Gepäck, ohne Decke. In Indien hinterlässt er eine Frau und zwei kleine Töchter, für die er gesorgt hat. Bis es nicht mehr ging. Würde es in der Stadt Pordenone keine ehrenamtlichen Helfer geben, wäre Kamail Singh nur eine Nummer im Sterberegister. 

Die Verhältnisse sind katastrophal. Jeden Tag kommen neue Geflüchtete an. Sie sind in das Getriebe der Asylpolitik geraten. Viele waren vorbildlich integriert, haben Sprachkurse besucht, eine Arbeit gefunden. Sie fühlten sich sicher. Aber seit Bund und Länder Abschiebungen beschleunigen, obwohl sich die Sicherheitslage in den Herkunftsländern, wie etwa Afghanistan erheblich verschärft hat, können viele Menschen ohne entsprechenden Schutzstatus nicht mehr ruhig schlafen. Die Polizei kommt häufig nachts. Treffen kann es jeden. Auch diejenigen, die ihren Platz in dieser Gesellschaft gefunden haben. Jetzt sind sie wieder auf der Flucht.

Belinda Kalender, St. Johann, arbeitet schon lange in Asylkreisen. Sie ist gut vernetzt. Als sie die ersten Filme aus Italien sieht, traut sie ihren Augen nicht. Da schlafen mehr als hundert Männer in einem Tunnel, am Straßenrand liegen Plastikplanen, provisorische Schlafplätze auch in Tiefgaragen und in einem Stadion. Sie zeigt die Bilder Imad Alaliwi. Er hat lange in Damaskus gelebt, ist geflüchtet und hat sich in Münsingen mit einem Supermarkt eine neue Existenz aufgebaut. Seine erste Reaktion: „Wir müssen da helfen.“

Erst hing ein Plakat im Schaufenster, dann berichtete unsere Zeitung. Innerhalb von kurzer Zeit wurden Schlafsäcke, Decken, Isomatten, Schuhe, Winterkleidung abgegeben. „Es war überwältigend. Unser Dank geht an alle Spender.“ Die Aktion wurde eng mit den Ehrenamtlichen vor Ort abgesprochen. Federführend ist Stefan von Ortenburg, Verein Umino, Unterstützung für Menschen in Not, der schon vorab die Verteilung organisiert hat. Es gibt kaum Lagermöglichkeiten. Das bedeutet: Es musste gründlich vorsortiert, alles in Listen eingetragen werden. Die Zeit drängte.

Privat wurde ihnen ein Fahrzeug zur Verfügung gestellt. Eine Tonne Hilfsgüter konnten sie unterbringen. Hin- und zurück lag eine 1700 Kilometer lange Strecke vor ihnen. Belinda Kalender und Imad Alaliwi waren vorbereitet, aber was sie dann erlebt und gesehen haben, das überstieg die schlimmsten Befürchtungen. „Es ist wie im Krieg.“

In Gorizia schlafen mehr als hundert Menschen in einem Tunnel. Tagsüber rattern Mopeds an der langen Reihe mit Schlafsäcken und Decken vorbei, nachts kommen die Männer, die kein Bett, kein Dach über dem Kopf haben. „Es ist eisig kalt und zieht. Von den Wänden tropft das Wasser, die Luft ist zum Schneiden.“ Ein freiwilliges Ärzteteam gibt Medikamente aus. Viel können sie nicht tun. Andere Ehrenamtliche versorgen die Neuankömmlinge mit dem Nötigsten.

Es hat sich schnell herumgesprochen, dass zwei Helfer aus Deutschland eingetroffen sind. „Ich komme aus Ulm.“ „Ich habe sieben Jahre in Osnabrück gelebt.“ „Kennst du Nürnberg?“ Belinda Kalender: „Viele sprechen fließend deutsch, sie  waren bei uns zuhause.“ Ein Bauingenieur aus Pakistan erzählt, dass er sich nicht traut, seiner Familie ein Foto zu schicken. Vor lauter Scham. Ein Afghane: „Ich habe bei McDonald gearbeitet, alles richtig gemacht, warum musste ich wieder fliehen?“ Er ist 22 Jahre alt und hat in Augsburg gelebt.

Im 130 Kilometer entfernten Pordenone sind die Schlafplätze weit verstreut: Plastikplanen und provisorische Zelte unter Hecken, in Tiefgaragen, an Zäunen. Italienische Helfer berichten von Schikanen der Behörden. Jeder müsse sich registrieren lassen, damit über die EU Geld beantragt werden kann, aber was aus den Leuten wird, dafür interessiere sich von offizieller Seite  niemand.

Es wird kälter. Die Helfer sind selbst erschöpft. Sie geben Tee und täglich eine Mahlzeit aus. „Die Männer laufen täglich mehrere Kilometer für eine Suppe“, sagt Imad Alaliwi. Man merkt ihm an, wie sehr ihm diese Schicksale nachgehen. Nachricht aus Italien. Ein junger Mann wurde am Straßenrand gefunden. Todesursache: Unbekannt. Sie werden herausbekommen, wer er war.

Weiterhin können Spenden im Palmyra Supermarkt, Münsingen, Hauptstraße 30, abgegeben werden. Eine zweite Fahrt, in Verbindung mit einem Verein, soll im Dezember folgen.

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