Die Konflikte treten direkt am Gewässerrand auf

Der Fußballkonkurrenz zum Trotz waren gut ein Dutzend Interessierte ins Biosphärenzentrum gekommen, um sich von Biberberater Niels Hahn über den Biber als Landschaftsgestalter informieren zu lassen.

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Kräftige Schneidezähne zeichnen den Biberschädel aus, den Niels Hahn bei seinem Vortrag herumgehen ließ. Foto: Reiner Frenz

Er sei total begeistert, dass überhaupt jemand ins Biosphärenzentrum gekommen sei, freute sich Niels Hahn vergangenen Freitag im Biosphärenzentrum. Begrüßt worden war er von Regine Leicht von der Biosphärengebiet-Geschäftsstelle. Hahn ist gelernter Forstwissenschaftler, beschäftigt sich beruflich mit Wildtieren, vornehmlich dem Schalenwild und wohnt in Wasserstetten. Da lag es wohl nahe, dass man ihn gefragt hat, ob er nicht Biberberater im Landkreis Reutlingen werden wolle. Seit eineinhalb Jahren übt er diese ehrenamtliche Funktion aus.

Mit der Geschichte der Biber begann er seinen spannenden Vortrag. 100 Millionen Biber haben einst Eurasien bevölkert, weitere 60 Millionen Amerika, und zwar auf der nördlichen Halbkugel. Durch Bejagung ist der Biber in Mitteleuropa praktisch verschwunden. Das dichte Biberfell, das Fleisch des Nagers, der von der Kirche kurzerhand zum Fisch erklärt worden war und damit an Fastentagen gegessen werden durfte, aber vor allem auch sein Düsensekret, das Bibergeil, hatten ihn zur begehrten Jägerbeute werden lassen. Hingegen habe die Lebensraumveränderung eine geringe Rolle gespielt. Schließlich: "Biber sind sehr anpassungsfähig".

Auf 200 Tiere sei der Biberbestand im Jahr 1900 in Deutschland zurückgegangen, wo einst etliche 100 000 Biber ihre Burgen bauten. Doch der Biber kehrt zurück. 1966 wurde in Bayern mit seiner Auswilderung begonnen. Bis 1982 wurden 120 Biber ausgesetzt, vor allem an Donau, Isar und Inn. Das Ganze vom Landwirtschaftsministerium abgesegnet, so dass in Bayern vom Land bei vom Biber verursachten Schäden Entschädigungen gezahlt werden. In Baden-Württemberg war ein Ansiedlungsversuch am Oberrhein erfolglos geblieben, inzwischen ist der Nager über Donau und Oberrheim ganz von alleine wieder eingewandert. Inzwischen rechnen Experten mit mehreren tausend Bibern im Ländle und mehr als tausend in der Region.

Hahn ging im nächsten Schritt auf die Biologie ein. Biber sind nach den Wasserschweinen die zweitgrößten Nagetiere weltweit, können knapp 1,20 Meter lang werden, wobei die Kellenlänge etwa 35 Zentimeter beträgt. Sie werden bis zu 35 Kilogramm schwer, sind wegen ihrer stromlinienförmigen Gestalt gut fürs Leben im Wasser prädestiniert. Das Biberfell ist mit bis zu 23 000 Haaren je Quadratzentimeter äußerst dicht. Der Schwanz, Kelle genannt, dient als Fettspeicher und zur Stütze beim Sitzen. Biber können ruhend bis zu 20 Minuten, aktiv bis zu fünf Minuten lang tauchen. Die langen Schneidezähne sind wurzellos und ständig nachwachsend, zudem selbstschärfend.

Biber, erklärte Hahn, sind reine Vegetarier, ernähren sich im Sommer von Gräsern, Blättern und Feldfrüchten, im Winter von der Rinde von Bäumen und Sträuchern. Bakterien in ihrem Blinddarm schließen die Zellulose auf. Der ausgeschiedene Blinddarmkot wird danach erneut gegessen, weil eiweiß- und vitaminreich. Paarungszeit ist im Januar und Februar. Nach gut 100 Tagen kommen die Biberjungen sehend und behaart auf die Welt. Biber werden bis zu zwölf Jahre alt.

Die berühmten Biberburgen gibt es vor allem im Flachland, während bei uns meistens Erdbauten angelegt werden, die ihren Eingang unter der Wasseroberfläche haben. Dämme werden gebaut, um die Wassertiefe von Bächen zu erhöhen.

Biber sind Landschaftsgestalter. Sie schaffen ein reichhaltiges, dynamisches Lebensraummosaik, so Hahn, geraten dabei aber mit dem Menschen in Konflikt. Zum Beispiel durch das Fällen von Gehölzen, durch Biberdämme, die zur Überflutung von Nutzflächen führen können, durch Fraß von Feldfrüchten. Hahn: "98 Prozent aller Konflikte treten 20 Meter vom Gewässer entfernt auf".

Für ihn gehe es darum, Konfliktlösungen vor Ort mit den Betroffenen zu finden. Es gebe keine Pauschallösungen. Gut sei es, wenn eine Nutzungsentflechtung erreicht werden könne, wenn menschliche Nutzung vom Gewässer abrücke. Als Einzelmaßnahmen nannte er das Aufstellen von Elektrozäunen, das Abtragen von Dämmen, die Sicherung von Durchlässen und die Entfernung der Biber. Hahn sprach von einem steten Spagat zwischen dem Schutzstatus des Bibers und den legitimen Nutzungsansprüchen der Menschen.In der anschließenden Diskussion plädierte dann der Gomadinger Förster Robert Greiner für ein Bibermanagement im Biosphärengebiet: "Der Biber müsste eine Leuchtturmart fürs Biosphärengebiet sein".

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