Der Schweitzer-Salon und "die vier Jahreszeiten"

Kompositionen und Lesungen aus Briefen der Geschwister Fanny Hensel-Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy ließen am Samstagabend in eine andere Welt eintauchen.

|
Markus Ege begleitete den Gesang seiner Frau Barbara Straub am Klavier: Zu hören waren Kompositionen von Fanny Hensel-Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Foto: Maria Bloching

Das von Markus Ege, Barbara Straub und Marlies Haist gestaltete Benefizkonzert zugunsten der Neugestaltung des jüdischen Museums bot einen direkten Bezug zum Ort Buttenhausen, der zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit seinem Schweitzerhof kulturell für Aufmerksamkeit sorgte. Die Gastwirtschaft war im Besitz der jüdischen Familie Schweitzer und erhielt durch die "vier Jahreszeiten", wie die musikalischen Schwestern Sophia, Jette, Julie und Klara genannt wurden, kulturelle Bedeutung. Es gab gemeinsam von Christen und Juden besuchte Gartenfeste, Tanzveranstaltungen, Fasnachtsbälle und Theateraufführungen. "Zunächst saßen sie auf verschiedenen Seiten, später mischten sie sich zum Tanz", erzählte Markus Ege, der als Sprecher und als Klavierbegleiter seine Vielseitigkeit unter Beweis stellte.

Die Auswahl der Musikstücke aus der Feder von Fanny Hensel-Mendelssohn und Felix Mendelssohn-Bartholdy folgte an diesem Abend keinem Leitfaden, vielmehr wurden sie im Hinblick auf den Bezug zum Ort und zur dörflichen Idylle ausgewählt. Rund 40 Besucher waren in den Therapiesaal gekommen und wer von ihnen die Augen schloss, konnte sich vorstellen, plötzlich im Salon der Familie Schweitzer zu sitzen: Er vermochte das warm-rußige Licht der Petroleumlampen, die Kerzen auf dem verstimmten Klavier, den knarrenden Parkettboden, die lichtdurchfluteten rundbogigen Fenster und die einzigartige Stimmung wahrzunehmen, die hier dem Vernehmen nach einst geherrscht hatte.

Ege ist als Innenarchitekt mit der Planung der Neugestaltung des jüdischen Museums in der Bernheimerschen Realschule betraut, seine Frau Barbara Straub ist Kirchenmusikerin in Degerloch. Sie leitete den Abend mit dem "Lied ohne Worte" am Klavier ein und bot einen gelungenen Vorgeschmack auf das, was noch kommen mochte. Die vier Schweitzer-Mädchen stets im Blick waren wunderschöne Lieder zu hören, Barbara Straub sang sich mit ihrer klaren Stimme durch alle vier Jahreszeiten und gab damit einen tiefen Einblick in das Leben und Wirken der Geschwister Mendelssohn.

Von Felix Mendelssohn-Bartholdy erklangen "Lieblingsplätzchen", "Winterlied", "Sonntagslied", "Suleika", "Hirtenlied" und "Reiselied". Von seiner Schwester Fanny Hensel-Mendelssohn wurden "Italien", "Sehnsucht", "Die Nonne", "Verlust" sowie "Warum sind denn die Rosen" zu Gehör gebracht. Den Kompositionen liegen Dichtungen von Friederike Robert, Carl Klingemann, Marianne von Willemer, Johann Gustav Droysen, Ludwig Uhland und Heinrich Heine zugrunde, zu denen das Geschwisterpaar ein vertrautes Verhältnis pflegte. Einzelne Liedblöcke wurden von mehreren Lesungen unterbrochen, wodurch der Abend eine amüsante Bereicherung fand.

Der rege Schriftwechsel zwischen Fanny und Felix machte deutlich, wie nah sich die beiden Komponisten einst gestanden haben mochten. Mit prächtigen Wortschilderungen zeichnete Pfarrerin Marlies Haist wie einst die Tochter Mendelssohns mit dem Federkiel Fannys Reise ins schöne Italien nach. Gegenüber der Mutter beschrieb die junge Frau Anmut und Vegetation am Comer See sowie ihre Entzückung und Rührung beim Anblick dieses "würdigen Ziels für eine Reise".

Im Jahr 1921 bat die 15-jährige Fanny in einem Brief an ihren Bruder Felix, der damals in Weimar weilte, er möge doch bitte Augen und Ohren nach Goethe offen halten und ihr später dann alles wortgetreu wiedergeben. Sie bezeichnete Felix als ihre "rechte Hand und Augapfel", ohne den es mit der Musik "nicht so recht rutschen will". In seiner Antwort berichtete Felix von seiner Begegnung mit Goethe, dem er Lieder von Fanny für seine Frau zum Singen überließ, woraufhin Goethe ein Gedicht für Fanny schrieb.

Auch wenn sich die Künstler an diesem Abend lediglich der Musik zweier Komponisten bedienten, gestaltete sich das Konzert abwechslungsreich und spannend. Nicht zuletzt auch, weil es durch die Lesungen einen persönlichen Einblick in das Leben der Familie Mendelssohn ermöglichte.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mit dem „Derneck-Virus“ infiziert

Die Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg ist eine hohe Auszeichnung für Hans Heiss. Er ist Vorsitzender des Betreuungsvereins Wanderheim Burg Derneck. weiter lesen