Der kleine Playmobil-Luther kam sehr weit herum

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In der vollbesetzten Münsinger Martinskirche wurde 500 Jahre Reformation gefeiert.  Foto: 

Ob Verfassung, Bildungssystem, Wirtschaftsordnung, Sozialstaat, Literatur oder Kunst – sie alle wurden deutlich von der Reformation geprägt. Deshalb war dieser besondere 31. Oktober nicht nur eine Feier zum 500. Jubiläum der Veröffentlichung der 95 Thesen durch Martin Luther an der Tür der Schlosskirche in Wittenberg, sondern vor allem eine Erinnerung daran, welche Rolle diese Hammerschläge für die Folgezeit spielten.

Dekan Norbert Braun sprach in der Münsinger Martinskirche von einem „historischen Tag“, der zum ersten Mal auch als staatlicher Feiertag begangen wurde. Vor 500 Jahren hätte Luther eine Bewegung in Gang gesetzt, die die Kirche und die gesamte Gesellschaft veränderte. „Wir feiern heute nicht die Spaltung der Kirche, sondern die Wiederentdeckung des Evangeliums“. Durch die Übersetzung der Bibel hätte Martin Luther dafür gesorgt, dass alle Menschen die Heilige Schrift in ihrer Sprache lesen und sie dank der von ihm angestoßenen Bildung auch verstehen könnten.  Luther sei ein realistischer Mensch gewesen und fürchtete, Gott gebe ihm das, was er verdiene und das könne nur Strafe sein. „Darunter hat er wie ein Hund gelitten“, führte Braun aus. Doch die Lehre der Rechtfertigung „sola gratia“ weckte in ihm die Überzeugung, dass der Mensch allein dank der Gnade Gottes das Heil und das ewige Leben erlange. Luther scheute weder die Mächtigen noch die Öffentlichkeit. Umso wichtiger war es der evangelischen Kirche, das Reformationsjahr 2017 anders als alle Luther- und Reformationsjubiläen bisher in globaler Gemeinschaft und mit anderen Kirchen zu feiern. Deshalb wurden auch Impulse der Reformation in den Fokus gerückt, deren Auswirkungen bis in die heutige Zeit reichen. Denn das, was von Wittenberg vor 500 Jahren ausging, veränderte Deutschland, Europa und die Welt. Die Bildungsoffensive, die von der Reformation ausging, war vermutlich deren folgenreichste gesellschaftliche Wirkung. „Selber denken ist das beste Gegenprogramm gegen Fundamentalismus“, wurde im Gottesdienst deutlich gemacht. Für die evangelische Theologie sind der persönliche Glaube und das individuelle Gewissen von großer Bedeutung, darüber hinaus sollte sich jeder Mensch dazu berufen fühlen, Gott mit seinen Fähigkeiten zu dienen. Freiheit und Verantwortung für die Mitmenschen gehen Hand in Hand, außerdem unterscheidet die reformatorische Theologie die Aufgaben von Staat und Kirche. Glaube ist nach evangelischem Verständnis nur als freier Glaube wirklich Glaube. Und wer die Freiheit des Glaubens für wertvoll hält, muss die Existenz anderer religiöser oder auch atheistischer Überzeugungen bejahen. Die Reformation hat die Kirche verändert, neue Herausforderungen verlangen nun eine Kirche in Bewegung. So bedeutet heute „typisch evangelisch“ zu sein, „ökumenisch“ zu sein.

Der Festgottesdienst in der vollbesetzten Martinskirche wurde von  Dekan Norbert Braun, Pfarrerin Maren Müller-Klingler und Pfarrer Salomo Strauß zelebriert und von der Kantorei und vom Posaunenchor musikalisch umrahmt. Im Fokus der Jubiläumsfeier stand die Erneuerung des Glaubens, die durch die 95 Thesen ausgelöst wurde und das Tor zur Zukunft weit aufstieß. Dieser eindrucksvolle Höhepunkt schloss das Lutherjahr ab, das von vielen Aktionen geprägt war. Unter anderem auch von der Aktion „Dr Ludder kommt rom“, die eine Idee zu einer begeisternden Geschichte werden ließ. Ein kleiner Playmobil-Luther kam dabei weit herum und wurde als Flugzeuggast, im Fußballstadion und beim Nikolaus, im buddhistischen Tempel und in der katholischen Kathedrale auf Fotos festgehalten. „Er hat an vielen Plätzen in der Welt seinen Platz eingenommen. Nicht als Heiliger, sondern als Gegenüber. Und rund 40 Fotografen haben ihn mit einem Augenzwinkern ins Bild gesetzt“, erklärte Pfarrerin Maren Müller-Klingler. Aus allen 200 Fotos ist ein Plakat entstanden, das im Rahmen des Festgottesdienstes vorgestellt wurde.

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