Christen sollten sich als Europäer fühlen

Das Kirchenwort an diesem Wochenende stammt aus der Feder von Barbara Wurz, Pfarrerin in Dottingen und Rietheim.

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Pfarrerin Barbara Wurz warnt vor einem Ausstieg aus der EU.

Nun sind wir also raus. Wir sind ausgeschieden bei der Fußball-Europameisterschaft, und das hinterlässt eine ziemliche Katerstimmung. Allein die enormen Einschaltquoten bei den Fernsehübertragungen zeigen, dass unsere ganze Nation das freudige mitfiebern genossen hat. Da waren alle beieinander, da haben wir alle einmal zusammengehört. Nun sind wir also raus, und mit atemberaubender Geschwindigkeit sind die Fähnchen von den Autos verschwunden.

Ich bin überzeugt, dass nicht nur deswegen Katerstimmung herrscht, weil wir nun nicht mehr die Besten, Größten und Tollsten werden können. Ich bin sicher, dass die Menschen dieses Wir-Gefühl vermissen. Das hat einfach gut getan. Im Fußball stehen endlich einmal alle auf der gleichen Seite. Wo kann das die Bevölkerung eines Landes sonst schon finden? In der Politik mit ihren vielen Parteien und Parteiflügeln sicher nicht.

Noch viel weniger ist das bei der Europa-Politik der Fall. Angesichts der Krise, in die die Europäische Union geraten ist, kommt in den Mitgliedsstaaten kein Zusammengehörigkeitsgefühl auf. Zu groß ist die Sorge um das eigene Wohlergehen. Womöglich fördert die Krise sogar das Wir-Gefühl der einzelnen Nationalstaaten. Doch leider geschieht das meist bei gleichzeitiger Abgrenzung. Ich finde es erschreckend, dass wieder laut darüber nachgedacht wird, ob wir ohne eine Europäische Union nicht besser dran wären. Das Europäische Projekt ist nach Jahrhunderten voller Konflikte eine faszinierende Konzeption, die uns näher an ein friedliches Miteinander gebracht hat, als das je zuvor in der Geschichte der Fall war. Ich hielte es für eine Katastrophe, sollte dieser Weg leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden. Für umso mutigerer halte ich deshalb auch die Forderungen vieler Politiker aus den unterschiedlichsten Lagern, dass die einzelnen Staaten mehr Macht an Europa abgeben sollen. Nur, wenn alle lernen, sich zugunsten des Ganzen zurückzunehmen, können wir näher zusammenrücken.

Jede Gemeinschaft kann nur so auf Dauer funktionieren. Das galt und gilt auch für die Gemeinschaft der Christen. Es ist sogar eine der grundlegenden Lehren der Bibel, dass wir Menschen nur im Blick auf unsere Mitmenschen nach Gottes Willen leben. Wer sich nur um die eigenen Interessen dreht, den hält der eigene Egoismus gefangen. Die Gemeinschaft aller Menschen mit Gott ist es, die unser Leben frei macht. Wer nicht nur sich selbst sieht, dem gehen die Augen auf und erblickt alle Wunder dieser Welt und alle Chancen, die in ihr liegen - auch die Chance auf Frieden.

Auch als Christen sollten wir uns als Europäer fühlen. Wir sollten Wir sagen können und zeigen, dass wir in Europa zusammenstehen. Der Weg dahin ist nicht einfach, und ich beneide die Politiker auf dem Europa-Gipfel nicht um ihre Aufgabe. Doch noch habe ich den Eindruck, dass sehr viele Menschen zu Europa stehen.

Hoffentlich gelingt es den Nationen, ihre Pflicht im Blick auf das Projekt Europa zu erfüllen. Und ich hoffe, es wird uns auch weiterhin gelingen, von den eigenen Interessen zumindest ein Stück weit Abstand zu nehmen.

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