Auf viele Arten genießen

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Vorfreude auf Weihnachten: Patrick Mauser (30) ist „Pfarrer zur Dienstaushilfe“ in Münsingen. Von Seeburg aus betreut er auch vakante Stellen auf der Alb und unterrichtet Religion in Zwiefalten und Engstingen.   Foto: 

Die Seeburger Johanneskirche ist nur einen Steinwurf entfernt, aber für Pfarrer Patrick Mauser (30) eigentlich unerreichbar. Wenn er sich an einem Sonntag auf den Weg zum Gottesdienst macht, fährt er quer über die Alb nach Hayingen, weil der dortige Pfarrer erkrankt ist. Das sind 26 Kilometer. Zum Unterricht an der Münsterschule in Zwiefalten oder zur Waldorfschule in Engstingen ist es noch weiter.

Als es noch getrennte Kirchenbezirke gegeben hat, in jeder Gemeinde ein Pfarrer das Sagen hatte, waren solche Konstellationen ausgeschlossen. Aber inzwischen hat sich viel verändert. Münsingen und Bad Urach haben fusioniert. Hauptsache ist, dass ein Pfarrhaus nicht leer steht.

Patrick Mauser und seine Frau Silvia sind bereits im August eingezogen. Als nebenan am Ufer der Erms noch der „Mössinger Sommer“ in voller Blüte stand und der Pfarrgarten hinter dem alten Holzzaun und den Tuffsteinmauern, wenn auch nicht angelegt, doch einen gewissen Charme ausstrahlte. Er hat ihnen auf Anhieb gut gefallen, der kleine Bad Uracher Stadtteil. („Und sicherlich kann ich auch irgendwann in der Kirche nebenan predigen.“).

  Patrick Mauser  ist „Pfarrer zur Dienstaushilfe“ in Münsingen, wo er eng mit Dekan Norbert Braun und weiteren Kollegen zusammenarbeitet, einmal im Monat auch in der Martinskirche predigt. Diese Teamarbeit liegt ihm. Als Einzelkämpfer habe man es schwerer. Er schätzt den „kollegialen Zusammenhalt“, die ersten Monate seien positiv verlaufen. Überhaupt sind Klagelieder nicht so sein Ding. Er lacht gern und viel, hat eine positive Ausstrahlung. Selbst als die weiteren Einschnitte durch den Pfarrplan zur Sprache kommen, überwiegt der Optimismus. Wenn die Kräfte gebündelt werden, dann könne „aus der Not heraus“  etwas Gutes entstehen. Er sieht darin auch eine Chance, einen Impuls für die Gemeinde, „mehr aktiv zu sein“.

Die stille und heilige Nacht

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war.“ Die christliche Geschichte begann nach dem Lukasevangelium mit einer Volkszählung. Maria und Josef machten sich auf den Weg nach Bethlehem.

Umfragen haben gezeigt, dass viele Menschen die Geburt von Jesus gar nicht mehr mit Weihnachten verbinden. Für sie ist es ein Glitzerfest mit vielen Geschenken. Durchschnittlich sollen die Ausgaben in diesem Jahr sogar um vier Prozent steigen. Die Händler freuen sich. Und wie geht es dabei einem jungen Pfarrer?

Patrick Mauser spricht von einer Eventkultur. Die christlichen Feiertage hätten in der Gesellschaft an Bedeutung verloren. Himmelfahrt, Ostern ... Die zunehmende Kommerzialisierung mache auch vor Weihnachten nicht Halt. Immer heftiger und früher wird die Werbetrommel gerührt. Der Weihnachtsmann ist allgegenwärtig, Jesus scheint nur noch eine Nebenrolle zu spielen. Wenn überhaupt. Für Pfarrer Patrick Mauser ist diese Entwicklung nicht der Anfang vom Ende. Denn: Die stille und heilige Nacht, sie habe noch diesen ursprünglichen Charakter. Die Kirchen sind voll. Die frohe Botschaft, die Kerzen und Lieder, der Zauber von Weihnachten entfalte seine volle Wirkung. „Ich genieße das.“

Er gehört nicht zu den Seelsorgern, die den Ansturm an Heiligabend und den allgemeinen Rückgang der Kirchenbesuche das ganze Jahr über miteinander vergleichen, die zunehmende Oberflächlichkeit anprangern. Der Grund, warum die Menschen an den Feiertagen in die Kirchen strömen, ist für ihn zweitrangig. Hauptsache, sie sind da. Mauser: „Es ist schön, wenn es voll ist. Das Fest hat seinen Platz in der Kirche.“

Mehr noch.   Die Familien treffen sich, manche fliegen um die halbe Welt, um in diesen Tagen an dem Ort zu sein, den sie als Heimat empfinden. Dieses Zusammensein, das habe doch etwas Ergreifendes.

Nicht vergessen werden dürfen diejenigen, die einsam sind und nun besonders leiden. Das Fest birgt ein erhöhtes Risiko für emotionale Krisen.  Dass diese Menschen nicht am Rand bleiben, sondern in die Mitte genommen werden, auch das entspricht der christlichen Nächstenliebe und einem lebendigen Weihnachten.

Neues wagen, Altes aufbrechen. Patrick Mauser empfiehlt, dem Stressfaktor etwas entgegenzusetzen. Er ist überzeugt: „Man kann dieses Fest auf so viele Arten genießen.“

In Reutlingen ist er geboren, in Bronnweiler ist er aufgewachsen. Dass Patrick Mauser einmal als Seelsorger arbeiten wird, das hat sich nach dem ersten Studiensemester gezeigt. Englisch und Geschichte waren es nun mal nicht. Er wechselte zu Theologie, was im Rückblick Sinn macht und in seinem Umkreis wohl auch keinerlei Erstaunen auslöste,  denn in der kirchlichen Jugendarbeit war er schon immer sehr aktiv. Seine Stationen waren Tübingen, Berlin und das eher unbekannte Neuendettelsau, wo er die Augustana Hochschule besucht hatte. Sein Vikariat absolvierte er in Aidlingen bei Böblingen. In Münsingen ist er nun „Pfarrer zur Dienstaushilfe“ (PDA). Die Stelle ist auf drei Jahre befristet. Er übernimmt den Seelsorgebereich, der bisher von Pfarrer Thomas Lehnardt betreut worden ist,  und Vertretungsdienste in vakanten Gemeinden. Sein Wohnort ist in Seeburg.

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