Atomwaffen im Schwäbischen Wald

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    Ein Sikorsky CH 34A Hubschrauber ist im Anflug. US-Soldaten vor einer Pershing-I-Rakete, ab 1985 standen auch Pershing II nicht nur in Neu-Ulm, sondern auch im  Merklinger „Bombenwald“. Foto: 
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    Soldatenleben: Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen. Foto: 
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    Theo Waigel (links) hat im Wiley Club zusammen mit Buchautor Joachim Lenk dessen Buch vorgestellt. Foto: 
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Optisch erinnert es an die Vorgängerbücher, auch inhaltlich steht es den ersten Kapiteln der Militärgeschichte im Südwesten nicht nach. Der Münsinger Journalist und Autor Joachim Lenk ist bekannt für gründliche Recherche. Darüber hinaus hat er ein Händchen für Begebenheiten, die nicht in den offiziellen Archiven zu finden sind. Deshalb greifen auch jene Leser zu seinen Büchern, die sich herzlich wenig für das Leben in den einstigen Kasernen interessieren. Es sind Zeitdokumente, die Lenk zusammenträgt. Auch jene Friedensbewegten kommen zu Wort, die in Engstingen blockiert und gegen die Aufrüstung Menschenketten gebildet haben.

Nach einem dicken Nachschlagewerk über die Münsinger Herzog-Albrecht-Kaserne, sie stand dort wo heute schmucke Einfamilienhäuser eine „Park-Siedlung“ bilden, und die Engstinger Eberhard-Finckh-Kaserne, die dem Gewerbepark Haid gewichen ist, befasste sich Joachim Lenk mit dem früheren Truppenübungsplatz, heute Herz des Biosphärengebiets, dem Remontedepot Breithülen und dem Gerätedepot Feldstetten. Das war vor knapp zehn Jahren. Da hatte er seinen guten Ruf als Experte auf diesem Gebiet schon weg. Wer ist Insider und gleichzeitig neutraler Beobachter? Als Presseoffizier im Dienstgrad Oberstleutnant der Reserve hat er gute Kontakte, als Journalist das Handwerk von der Pike auf gelernt. Kein Wunder also, dass weitere Werke folgten. Im Jahr 2010 ein Buch über die Rommel-Kaserne und den ehemaligen Militärflugplatz in Dornstadt und fünf Jahre später das umfangreiche Kapitel über „Militärtransporte mit der Eisenbahn auf die Schwäbische Alb“. Das hat ihn viel Zeit und Mühe gekostet, für halbe Sachen ist er nun mal nicht zu haben.

Dass er damit an der Endstation angelangt ist, mag seine eigene Vorstellung gewesen sein. Aber schaut man nur mal nach den vielen Beziehungspunkten zu seinem brandneuen Band über „Klein-Amerika links und rechts der Donau“, ist es nur folgerichtig, dass er sich diesem neuen Unternehmen mit der gewohnten Akribie gewidmet hat. Schließlich tauchen sie bisher nirgends auf, die US-Soldaten, die von 1950 an bis heute ihre Spuren in Schwaben hinterlassen haben.

Viel Arbeit hätte es ihm erspart, wenn die Amerikaner für ihre „Hoch-Zeit“  von 1951 bis 1991  ordentliche Dokumente hinterlassen hätten. Aber nein, die Papiere gingen in Flammen auf. Absichtlich. Offiziell wurde Joachim Lenk mitgeteilt, es habe wohl das „Interesse an der Geschichte“ gefehlt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Fündig wurde der Autor trotzdem. In den Stadtarchiven Ulm und Neu-Ulm. Letzteres ließ  ihm zudem Fotos und Lagepläne zukommen. Außerdem halfen  Mitglieder des  „Nato Sergeants Club Ulm/Neu-Ulm“, des US-Veteranenverbands „American Legion“ und der Vereinigung „Donau Americans and Friends“ sowie des  „Historischen Vereins Neu Ulm“ mit Rat, Tat und vielen Privataufnahmen weiter.

Prominentester Unterstützer war Dr. Theo Waigel, der das Vorwort schrieb. Er war von 1972 bis 2002 Bundestagsabgeordneter in Neu-Ulm und von 1989 bis 1999 Bundesfinanzminister. Es war mehr als eine zielgerichtete Zusammenarbeit. Persönliche Beweggründe spielten eine Rolle. Joachim Lenk ist gebürtiger Neu-Ulmer. Er hat die Zeit der US-Armee hautnah miterlebt, schreibt in seinem Vorwort von „bulligen Ami-Schlitten“ und Militärfahrzeugen, die durch die Stadt bretterten. Er musste sich ausweisen, wenn er seine Großeltern im Cartitas-Seniorenstift, das neben dem US-Gelände lag, besuchen wollte, und er kaufte in den 1980er-Jahren als Bundeswehrsoldat im PX-Store zollfreie Waren ein. Eine Pershing-Rakete, das Hassobjekt nicht nur  der Friedensaktivisten, konnte er aus nächster Nähe sehen. (K)ein Protest: „Ich bin zu einem Konzert der Nachrüstungsgegner als Fan von  Peter Maffay.“ Der spielte 1983 vor den Wiley Barracks, als die Menschenkette zwischen Stuttgart und Neu-Ulm geschlossen wurde. Und war beleidigt, weil auf einem Plakat der Spruch „Lieber Pershing zwei, als Peter Maffay“ zu lesen war. Später, nach dem Abzug der GIs, schaute Lenk sich im Dietrich-Kino Filme an, war dabei, wenn in der „Arts  & Crafts“-Halle oder im Wiley Park Rock, unter anderem von Bryan Adams, die Marschmusik verdrängte.

Dem Politiker Waigel  wurde damals Kriegstreiberei vorgeworfen. Er hat den umstrittenen Nato-Doppelbeschluss repräsentiert, später aber dann die Abrüstungsvorschläge mit Michael Gorbatschow maßgeblich mitbestimmt.  Bis heute treffe er sich mit ihm, schreibt er  Und: „Nirgendwo in Bayern und vielleicht sogar in Deutschland sind Schwerter so zu Pflugscharen geworden, wie in Neu-Ulm.“

Vergessen ist der Wahnsinn nicht. Im Merklinger „Bombenwald“ waren Pershing-Raketen stationiert. Die Bevölkerung bekam davon lange nichts mit. Ein brisantes Kapitel, das ausführlich beschrieben wird.

Auf- und Abrüstung: Vor diesem Hintergrund wird sie in Wort und Bild dargestellt, die Geschichte der U.S Garrison Ulm/Neu-Ulm, die Air Base Leipheim, die U.S Army Training Area A-T-19 Dornstadt und das Army Airfield Schwaighofen. Als ein Stück Vergangenheit und Gegenwart. Im Sommer 1955 wird in der „Schwäbischen Donau Zeitung“ berichtet: „Jeder zehnte Ulmer kommt aus Amerika.“ Der Titel bezieht sich auf 9000 Soldaten und 2000 Familienangehörige. Zum Vergleich: Bis heute sind 35 000 US-Soldaten in Deutschland stationiert, circa 3100 in Baden-Württemberg.

Joachim Lenk entdeckt viele Geschichten.  Da tauchen „leichte Mädchen“ auf,  Eltern, denen Kuppelei vorgeworfen wird, Männer,  die wegen Totschlag an einem Taxifahrer oder Vergewaltigung angeklagt sind und sogar ein Hund, der mit militärischen Ehren zu Grabe getragen wird. Auf beiden Seiten gibt es schwere Einschläge im Zusammenleben. Ebenso lässt sich das gute Miteinander im Alltag nachvollziehen, das immer dann verwirklicht wird, wenn Vorurteile fehlen.   Als Gene Reed über die Panzer tanzt, sind alle aus dem Häuschen – die Bodenständigen und die Vertreter des American Way of Life. Seine Strafe hat er trotzdem bekommen.

Die Buchvorstellung hat am Freitag rund 240 Gäste in den Wiley Club Neu-Ulm gelockt. Prominentester Gast war der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel, der ein Grußwort an die Gäste gerichtet und Joachim Lenk zu seinem Werk gratuliert hat. Das Buch „Klein-Amerika links und rechts der Donau“ (ISBN 978-3-941453-30-2) ist im Wiedemann Verlag erschienen und kann dort bestellt werden. Es hat  mehr als 750 Fotos, Pläne und Abbildungen und ist ab sofort  in der Alb Bote-Geschäftsstelle, Gutenbergstraße 1, Münsingen, erhältlich. Preis: 39,80 Euro. Infos unter www.USGarnison.de.

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