Alleinsein oftmals ungewollt

Menschen mit Asperger-Syndrom und Autismus brauchen von der Gesellschaft mehr Verständnis, Unterstützung und Integration. Das forderte Dr. Christine Preißmann in ihrem Vortrag in der Zehntscheuer.

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Dr. Christine Preißmann referierte über "Barrierefreiheit für Menschen mit Asperger-Syndrom".  Foto: 

Inklusion ist in aller Munde. Doch die Gesellschaft braucht nicht nur Rampen für Menschen mit offensichtlichen Beeinträchtigungen, sondern auch Barrierefreiheit für Menschen mit Asperger-Syndrom und Autismus. Die Zahl der Betroffenen wächst stetig, was auch das enorme Besucherinteresse am Donnerstagabend deutlich machte. Im Alltag stoßen autistische Menschen immer wieder an Grenzen, sie tun sich schwer, Kontakte zu knüpfen und sozial interaktiv zu sein.

Mit Christine Preißmann konnte der Verein Autismus eine Referentin präsentieren, die selbst vom Asperger-Syndrom betroffen ist. Die Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie erhielt mit 27 Jahren ihre Diagnose: "Das war für mich die Antwort auf viele Fragen". Oft wurde ihr vermittelt, wie komisch sie sei. Sie tat sich schwer, mit Gleichaltrigen Kontakte zu knüpfen und hatte kein Interesse an den typischen "Mädchen-Themen". Sie wurde zur Außenseiterin, weil andere merkten, dass sie anders war. "Während sich die anderen Mädchen über Mode, Kosmetik und Jungs unterhielten, machte ich mir Gedanken über den Flugplan der Lufthansa".

Das Anderssein und der Wunsch nach dem Alleinsein bringt Einsamkeit mit sich und doch sehnen sich viele Menschen mit Asperger-Syndrom nach Freunden, einem Partner oder sogar Kindern. "Sie brauchen lebenspraktische Unterstützung in Bezug auf Sexualität, Gesundheitsberatung, Beruf, Wohnen, Autismus im Alter, aber auch im Hinblick auf ihre eigene Identität", wusste Preißmann.

Autismus steht nicht nur für Einschränkungen und Defizite, sondern auch für jede Menge Ressourcen, die sich in den Stärken der Betroffenen zeigen. Diese sollten genauso wahrgenommen werden wie die Schwächen, die das Leben eines autistischen Menschen äußerst anstrengend machen. Sie zeichnen sich durch Ehrlichkeit, Offenheit, Sorgfältigkeit und Ordnungsliebe aus, sie sind motiviert, sehr zuverlässig und verfügen häufig über eine gute fachliche Qualifikation. "Sie müssen die Nadel im Heuhaufen nicht mühsam suchen, sie springt ihnen quasi ins Gesicht", so Preißmann. Eine befriedigende berufliche Tätigkeit wirkt sich positiv auf das Wohlergehen von Menschen mit Asperger-Syndrom aus, erhalten sie eine realistische Chance, blühen sie auf. Doch daran hapert es oft, weil ihre Stärken in Deutschland noch sehr wenig erkannt werden. 65 Prozent arbeiten in Behinderten-Werkstätten, 30 Prozent sind ganz ohne Arbeit, lediglich fünf Prozent sind im ersten Arbeitsmarkt untergebracht. "Hier gibt es noch einen dringlichen Unterstützungsbedarf", betonte Preißmann und beschrieb die Einsatzmöglichkeiten dieser oft vielfältig begabten Menschen. Wichtig sei, jeden Menschen individuell zu betrachten und zu betreuen und ihm eine relative Normalität zu vermitteln. Eine gesellschaftliche Teilhabe sei die größte Herausforderung bei der Inklusion, es gehe darum, in jedem Lebensalter effektive Unterstützung anzubieten. Dazu gehören Routine und Rituale, detaillierte Informationen im Vorfeld, genaue und verständliche Anweisungen, ein schriftlicher Tages- und Wochenplan, ruhige Rückzugsorte, regelmäßige und ehrliche Rückmeldungen und Hilfe bei alltäglichen Anforderungen. "Autisten brauchen eine gute Balance zwischen Kontakt zu anderen Menschen und dem Alleinsein".

Mit ihren Vorträgen und Büchern sorgt Preißmann selbst als Betroffene dafür, Autismus bekannter zu machen. Sie zeigte sich zuversichtlich, dass Glück und Lebensqualität auch für Menschen mit dem Asperger-Syndrom keine Utopie sein müssen. "Es wird nie leicht werden, aber es lohnt sich, neue Wege zu beschreiten, die die Individualität eines jeden einzelnen Menschen berücksichtigt".

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