"Mittelschicht wird ausgelöscht"

Rezession in Europa, hohe Jugendarbeitslosigkeit und überschuldete Staaten: Droht der Kollaps? Die Frage bejahen Matthias Weik und Marc Friedrich in ihrem Bestseller "Der größte Raubzug der Geschichte".

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500 Exemplare wollten Weik und Friedrich ursprünglich von ihrem im Juni vergangenen Jahres erschienenen Buch verkaufen. Doch das Finanzsachbuch eroberte sich rasch einen Platz auf den Bestsellerlisten des Spiegel oder des Manager Magazins und behauptet sich dort seit nunmehr acht Monaten. Mittlerweile gingen mehr als 50 000 Exemplare über den Ladentisch und nach der von der Volkshochschule Münsingen am Donnerstagabend in der Münsinger Zehntscheuer veranstalteten Lesung kamen noch ein paar dazu. Rund 70 Zuhörer ließen sich von den beiden Wirtschaftsexperten auf einen faktenreichen Parforceritt durch die Abgründe des Finanzsystems mitnehmen. "Wir haben all die Puzzleteile gesammelt, die durch die Medienlandschaft geistern", erläuterte Friedrich eingangs. In Verbindung mit einer fundierten, leicht verständlichen Aufbereitung der Funktionsmechanismen der gegenwärtigen Finanzwelt gelangen die Autoren zu einem verheerenden Fazit: "Im Vergleich zu dem, was bevorsteht, waren die Ereignisse von 2008 wie ein Kinderfasching", sagte Weik. Ihr Buch sei ein "Akt der Zivilcourage, weil möglichst viele Menschen Bescheid wissen sollten". Der "Crash" sei unvermeidlich, nur der Zeitpunkt noch offen.

Die Ursachen sind vielfältig. Ein Kernproblem ist die immense Geldmenge, die nur in den Bilanzen auftaucht. Nur zwei Prozent des Geldes nämlich, das weltweit unterwegs ist, existiert tatsächlich in der Realität. Der Rest ist "Buchgeld". Während Notenbanken tatsächlich neue Geldscheine drucken, entsteht die Geldblase in den Geschäftsbanken und Sparkassen über den Weg der Kreditvergabe. Erhält ein Kunde einen Kredit in Höhe von 10 000 Euro, so handelt es sich, so Weik und Friedrich, nämlich nicht um das zuvor eingezahlte Geld anderer Kunden, sondern um Buchgeld, das jedoch in die Bilanz einfließt. Die Mindestreserve der Bank beträgt jetzt nur noch ein Prozent der jeweiligen Summe. Das heißt, für den Kredit in Höhe von 10 000 Euro muss die Bank nur 100 Euro vorweisen, kassiert anschließend aber Zinsen für den Betrag von 10 000 Euro. Auf diese Weise entsteht in den Bilanzen also Geld, das es zuvor gar nicht gab. Im Gegenzug sind Einlagen auf Sparbüchern nur Forderungen des Eigentümers an die Bank. "Buchgeld ist im Unterschied zu Banknoten kein Zahlungsmittel sondern nur ein Zahlungsversprechen". Dem Großteil der verbuchten Geldsumme steht kein reales Geld gegenüber. "Daher predigen die Banken den bargeldlosen Zahlungsverkehr", betonten die Autoren. In den südeuropäischen Krisenländern dürfen inzwischen nur noch 1000 Euro in bar abgehoben werden. Als in Argentinien 2002 der Staatsbankrott drohte, wurden die Banken geschlossen und der Peso um 75 Prozent abgewertet. "Die Mittelschicht des Landes wurde wirtschaftlich ausgelöscht", erinnert sich Friedrich, der damals in Argentinien war und genau dies auch hier erwartet. Nach Einschätzung des Duos haben "die oberen fünf Prozent" ihr Geld bereits aus dem Markt gezogen. "Wer am Ende noch mehr als 50 Prozent seines Vermögens hat, gehört zu den Gewinnern", prophezeiten sie.

Der große Bargeldabzug aus den Banken durch Sparer bewog Bundeskanzlerin Merkel Anfang Oktober 2008 dazu, den Deutschen zu versichern, ihre Einlagen seien nicht in Gefahr. "Diese Garantie wurde nie gesetzlich verankert", betonte Weik und fragte, wie ein Staat, der mit zwei Billionen Euro verschuldet sei für die Einlagen seiner Bürger in Höhe von zehn Billionen Euro garantieren wolle? Friedrich erinnerte an Jean-Claude Juncker, der als Vorsitzender der Euro-Gruppe, 2011 sagte: "Wenn es ernst wird, muss man lügen".

Den derzeitigen Höhenflug des Dax schätzen die Wirtschaftsexperten als "völlig übertrieben" ein. Er sei lediglich von billigem Geld getrieben. "Aktien sind keine Sachwerte". Dort aber sehen die beiden Autoren die einzig sichere Geldanlage. Rohstoffe wie zum Beispiel Gold und Grundstücke seien wertbeständig. Sie verwiesen auf den Handel mit Finanzderivaten an der Terminbörse Eurex in Frankfurt im Umfang von 770 Billionen Dollar im Jahr 2011. Dem stand ein Gesamtwert aller auf der Welt hergestellten Güter von 70 Billionen Dollar gegenüber.

Entscheidend auf dem Weg zum von Weik und Friedrich prognostizierten Kollaps ist die enorme Staatsverschuldung. Diese steigt zum Beispiel in den USA in jeder Minute um zehn Millionen Dollar und beträgt in Spanien 457 Prozent des jährlichen Bruttoinlandsprodukts. Auch Italien (127 Prozent), Großbritannien (847 Prozent), Griechenland (152 Prozent), Portugal (422 Prozent) und Irland (1166 Prozent) seien chancenlos. Bereits ein geringer Anstieg der Zinsen könnte zur Zahlungsunfähigkeit der Staaten führen. Doch diese selbst gehen nicht bankrott, es sind die Bürger. Die EU hat jetzt mit der neuen Enteignungsklausel eine Grundlage dafür geschaffen, bei Bedarf die Rückzahlung von Schulden aus Staatsanleihen zu verweigern. Solche Papiere stecken in jeder Lebensversicherung und jedem privaten Rentensparvertrag. Im Regelfall führe der Staatsbankrott zu einer Abwertung der Währung und dem völligen Verlust von Staatsanleihen.

Auch die Verlagerung von Kreditrisiken in Schattenbanken für die nur eingeschränkte Vorschriften gelten verringere die Stabilität. Allein in den USA liege das Kreditvolumen dort bei geschätzten 16 Billionen Dollar und damit höher als im regulären Bankensektor.

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