"Mei Schwester braucht oine an dGosch"

Das Kirchenwort stammt an diesem Wochenende von Martin Köper aus Münsingen, Pastoralreferent im Schuldienst.

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Martin Köper, Pastoralreferent im Schuldienst, hat das Kirchenwort verfasst.

"Eine Gesellschaft ohne Gewalt - geht das?" Zum Einstieg in eine Diskussion hatte ich das so an die Tafel geschrieben. Die erstaunlichste Antwort war: "Wisset Se, mei Schwester braucht ellamol oine an dGosch. Und die kriegt se von mir!" Mit vielen anderen Argumenten waren sich die Schüler einig: "Niemals! Unvorstellbar! Gewalt ist Teil des Alltags".

Dann haben sie eine Bildergeschichte bearbeitet. Diese zeigt, wie ein Großvater und sein Enkel in einem Park von einem Fremden so lange geärgert und provoziert wird, bis der Opa zur Freude seines Enkels zuschlägt und damit den Streithahn vertreibt. Einhellig fand der Opa Unterstützung. "Der hat doch recht. So was lässt man sich nicht gefallen!"

Danach habe ich den Satz Jesu nachgelegt: "Wenn dir einer auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin!" Dabei ging es nicht darum, dass man mit dem Handrücken zuschlagen muss, um jemand auf die rechte Backe zu treffen - und was dieser Schlag an symbolischer Bedeutung im Judentum und für Jesus hatte. Es ging allein um die Provokation der Worte Jesu.

Denn die stehen ja den Erfahrungen der Jugendlichen gegenüber. Es ist naheliegend - diese Aufforderung Jesu unbesehen gut zu finden, ist zu viel verlangt. "So weit kommts noch!" oder "Der Jesus tickt ja nicht richtig" sind daher gängige erste Reaktionen.

Denn Jung wie Alt sind von klein auf Grundsätze zu eigen wie: "Lass dir nichts gefallen. Wehr dich. Schlag so zurück, dass du deine Ruhe hast! . . ."

Andere Wege aus dem Konflikt mit dem Streithahn schienen auch in unserer Gruppe undenkbar - ohne sich dabei als Verlierer zu fühlen.

Doch dann überlegten die Jugendlichen in kleinen Gruppen, wie die Geschichte ausgehen könnte, ohne dass es zum gewaltvollen Zuschlagen kommt. Eine Idee: den Unruhestifter ins Leere laufen zulassen, ihn zu ignorieren, in der Hoffnung, dass er dann den Spaß an der Streiterei verliert und abzieht.

Andere schlugen vor, dem Angreifer zu zeigen, dass man selbst auch so stark ist wie er - ein Streit also nur beiden schaden kann. Eine dritte Lösung verfiel darauf, deutlich zu machen, wie feige und charakterschwach es ist, wenn sich ein Überstarker an zwei Schwächlingen vergreift.

Hinterher war die Überraschung groß, dass es doch mehr geben kann, als einfach nur zurück und drauf los zu schlagen, dass "der Jesus vielleicht doch nicht so schlecht tickt".

Einem Schüler kam dann die Frage in den Sinn. "Wie wirkt das wohl, wenn man einem Angreifer nach dem ersten Schlag auch noch die zweite Backe hinhält?" Zum einen: "Dann haut er dich voll um!" Zum anderen: "Wer weiß, vielleicht ist der Angreifer so überrascht, dass er sich überlegt, was er denn da mit seiner Gewalt anrichtet - und das dann lässt."

Mir ist auch klar, dass sich unter den Jugendlichen mit dieser Schulstunde - wenn überhaupt - nur minimalst am Denken über Gewalt etwas verändert. Aber die Überraschung, dass es lohnt, in einzelnen Situationen andere Wege und Lösungen zu suchen - und zu finden! - als es im ersten Moment möglich schien, das hat die Jugendlichen beeindruckt und nachdenklich gemacht.

Gerade in dieser Überraschung liegt eine Chance - sich selbst einmal zu fragen, wie oft mit dem für meinen Geschmack so unheilvollen Satz: "Des hot ma scho emmer so gmacht!" immer wieder aufs Neue die Möglichkeit vertan wird, neue Erfahrungen zu sammeln, andere als nur die ausgetretenen Wege zu beschreiben - oder einfach mal diesen Satz zu ersetzen durch: "Ma könnt doch au a Mol . . . !"

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