"Ich sag einfach nur Danke"

Vor drei Jahren schenkte Annett Völckers aus Hamburg dem an Leukämie erkrankten Udo Schönrock aus Münsingen durch eine Stammzelltransplantation ein neues Leben. Jetzt traf Schönrock seine Spenderin.

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Feier auf der Terrasse in Münsingen nach dem "Blind-Date"-Treff an der Uni Tübingen: Spenderin Annett Völckers, deren Mutter Angelika und Schwester Steffi, Gudrun Allgaier-Schönrock und Udo Schönrock (von links). Foto: Zeller-Rauscher

Kleine rote Pünktchen auf den Armen und extreme Müdigkeit ließen den Münsinger eine Sonnenallergie vermuten, weshalb Udo Schönrock zum Arzt ging, um sich etwas verschreiben zu lassen.

Doch dann der Befund: Akute Myeloische Leukämie. Die Diagnose, die der damals 53-Jährige dann am 19. Mai 2008 erfuhr, zog ihm zunächst fast den Boden unter den Füßen weg. "Die Aussage der Ärzte, dass zu 95 Prozent ein Spender gefunden werden kann, gab uns dann aber wieder Hoffnung", erinnert sich Gudrun Allgaier-Schönrock. Während auf der Intensivstation sämtliche Untersuchungen und eine Chemotherapie an dem Münsinger vorgenommen wurden, wurde mit Hochdruck in der Stammzellenspenderdatei nach einem geeigneten Spender gesucht. Schönrocks Schwester kam immerhin zu 50 Prozent in Frage. Ein leichter Hoffnungsschimmer.

Große Aufregung herrschte dann im Juni 2008 in Hamburg. Annett Völckers, die sich zehn Jahre zuvor auf einer Messe hatte typisieren lassen, hielt mit erhöhtem Puls den Brief der Deutschen-Knochenmarksspenderdatei in Händen. Als die Hamburgerin las, dass sie als Spender in Frage kommt, stand schnell außer Frage, dass sie helfen wird. Zahlreiche Untersuchungen und Blutentnahmen waren im Vorfeld zu machen.

Etwas mulmig wurde der damals 31-Jährigen als sie die Spritzen vor sich liegen sah, mit denen sie sich fünf Tage lang vor der Transplantation in den Bauch spritzen musste. Grippeähnliche Symptome folgten wie leichte Schmerzen in der Nierengegend. "Nicht der Rede wert, wenn man diese Wehwehchen in die Waagschale mit dem Leben eines Menschen wirft", sagt die 34-Jährige heute. Lediglich zwei Tage lang war die Lebensretterin für den Eingriff krank geschrieben. Erleichterung derweil in der Uni-Klinik in Tübingen, wo durch die Stammzellspende von Annett Völckers Schönrocks neues Leben beginnen konnte.

Im weiteren Verlauf verlief die Genesung des Leukämiepatienten jedoch nicht optimal. Die Spende wollte nicht so recht anschlagen. "Das Leben meines Mannes stand zeitweise auf Messers Schneide", erinnert sich Gudrun Allgaier-Schönrock und erzählt, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht verheiratet gewesen seien. Ein katholischer Klinikpfarrer habe sie damals überredet, noch in der Klinik zu heiraten. "Manchmal lag ich abends im Bett und habe mir überlegt, was weiß der, was ich nicht weiß". Der Trautermin stand fest, als Gudrun Allgaier plötzlich schwer erkrankte. Alles kam zusammen, so dass es nur noch darum ging, die weitere Entwicklung abzuwarten. Gudrun Allgaier musste wieder gesund werden und in Tübingen musste nachgespendet werden, bevor das amtliche Ja-Wort dann im November 2009 ausgesprochen werden konnte. Annett Völckers willigte erneut zum Spenden für den ihr damals noch Unbekannten ein. Mit einer Gänsehaut auf den Armen erinnert sich Mutter Angelika an das Weihnachtsfest 2008. "Meine Tochter hat zu mir gesagt, mein größter Weihnachtswunsch ist der, dass es meinem Empfänger gut geht" und ergänzt: "Ich bin generell stolz auf meine Kinder, doch auf Annett, war ich es in diesem Moment ganz besonders. Die ganze Familie hat daran teilgenommen".

Auch Udo Schönrock ist stolz auf seinen "Stammzellzwilling", der sich beim von der Universität organisierten Blind-Date dann noch als äußerst attraktiv herausstellte. "Schaut mich an, ich werde ihr doch immer ähnlicher", schmunzelt Schönrock in die Runde. Für das "Blind-Date" beim 7. Tübinger Transplantierten-Treffen hatte sich Schönrock eine kleine Rede ausgedacht. Er wollte seiner Spenderin, seiner Frau, dem Universitätsteam, den Pflegern, seinen Freunden und Nachbarn, die ihm alle in der schweren Zeit geholfen haben, danken. "Als Annett dann die Stufen herauf kam und ich sie sah, war alles weg. Wir haben uns in die Arme genommen und waren nur noch glücklich. Mehr als ich sag einfach nur Danke brachte ich nicht mehr heraus", erzählt Schönrock am Abend auf seiner gemütlichen Terrasse bei einer kleinen Sektrunde.

Heute hat das Leben für den zwischenzeitlich Erwerbsunfähigen eine neue Qualität bekommen. Dinge, die für die meisten Menschen selbstverständlich sind, haben bei ihm viel mehr Gewicht. Das fängt morgens schon beim Aufstehen an, ohne dass er dazu jemanden braucht. Früher galt Schönrock als "Hansdampf in allen Gassen", heute muss er einen Gang zurückschalten. So richtig hippelig wird der momentan glückliche Empfänger dann wieder, wenn die nächste Untersuchung ansteht. "Die Woche davor bin ich immer extrem aufgeregt", so Schönrock, der dennoch positiv in die Zukunft blickt.

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