"Esel sind sehr kluge Tiere"

Pino ist verschmust, Lieselotte gilt als "Grande Dame", Toffifee führt das Regiment - alles kann man den Eseln in Buttenhausen nachsagen, nur nicht, dass sie stur sind. Ganz im Gegenteil.

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    Die Lamas verlassen Buttenhausen: Auf einen letzten Spaziergang freuten sich gestern Uwe, Alfio, Walter und Karin (v.l.). Fotos: Gudrun Grossmann
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  • ... und Christiane Schmidhuber mit Huhn "Pippi". 3/4
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Tiere sind verlässliche Partner in der Therapie. Das war schon früher so. Nur kaum einer hats gemerkt. Die Landwirtschaft diente der Selbstversorgung und bot Arbeitsplätze für die Landheimbewohner. Als der Schweinestall geschlossen wurde und im Jahr 2000 die letzte Kuh "vom Hof" ging, hatten sich auch andernorts kleinbäuerliche Strukturen längst aufgelöst. Es lohnte sich nicht mehr. Dass der Betrieb in Buttenhausen dennoch ungewöhnlich lange aufrecht erhalten wurde, lag an den Bedürfnissen der Bewohner. Viele kamen aus der Landwirtschaft. Die Arbeit auf dem Feld und im Stall gab ihren Tagen eine gewohnte Struktur. Keine Werkstatt konnte dieses Vertraute später ersetzen. "Den Bewohnern fehlte etwas", sagt Christiane Schmidhuber rückblickend. Sie ist ausgebildete Reittherapeutin und leitet die "tiergestützte Therapie" in der BruderhausDiakonie Buttenhausen. Vor zehn Jahren brachte sie die ersten vierbeinigen Helfer zurück. Ein zaghafter Anfang. Denn neben Esel Lieselotte und Shetlandpony Dixie standen nur zwei Schafe im großen Stall. Egal. Hauptsache die Lichter gingen an und die Mistgabeln kamen wieder zum Einsatz. In der "Bauernhaus-Gruppe" hieß es: Zurück an die Arbeit.

Dem früheren Leiter Herbert Weippert (von ihm ging die Initiative aus) und auch seinen Nachfolgern Thomas Niethammer und Renate Stemmer war und ist der "grüne Bereich", zu dem auch die Gärtnerei gehört, wichtig. Für Menschen, die unter Demenz leiden, die psychisch, körperlich und geistig beeinträchtigt sind, kann der Umgang mit den Tieren genau so gestaltet werden, dass es für sie passt, mit Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. "Wer sich traut, kann auch zum Reiten gehen." Die Zusammenarbeit mit dem Eichelhof in Apfelstetten (siehe Artikel oben) habe sich bewährt.

Aktuell steht steht ein Einschnitt bevor: Die beiden Lamas Mogli und Lima wechseln Anfang Februar auf einen Hof in Jagsthausen, wo sie "fachlich und kompetent" in einem pädagogischen Konzept eingebunden sind. Nur, weil sie in "allerbeste Hände" kommen, habe sie einwilligen können. Leicht fällt der Abschied nicht. "Auch mir sind sie ans Herz gewachsen."

Christiane Schmidhuber fühlt sich beiden Seiten gleich verpflichtet: Den Bewohnern und den Tieren. "Achtsamkeit", dieses Wort fällt häufig. Die artgerechte Haltung der Vierbeiner sei ganz ausschlaggebend für deren Verhalten. Beispiel: Störrische Esel. "Das ist, wenn überhaupt, vom Menschen gemacht und ein absolutes Vorurteil."

Annette Hanisch pflichtet ihr bei. Sie ist Lehrerin an der Georg-Haldenwang-Schule in Münsingen, lebt mit ihrem Mann, ihren drei Kindern seit acht Jahren in Buttenhausen und ist Besitzerin von Toffifee und deren Fohlen Margeritha. Die Tiere haben ihren Platz in der kleinen Landheim-Herde und in der Familie, worüber sich besonders Judith, mit neun Jahren die Jüngste, freut. Aber sie teilt auch gerne - mit Karin und Walter, mit Alfio und Uwe, mit Menschen, die vielleicht aus weniger behüteten Verhältnissen kommen, die es aufgrund ihrer Handikaps schwer haben und ein besonderes Verständnis brauchen. Esel sind mit ihrem "ruhigen, sanften und sensiblen Wesen" ideale Begleiter. Bei langen Spaziergängen oder für die kurzen Streicheleinheiten zwischendurch.

Mit der Gründung einer "Esel-AG" an ihrer Schule hat Annette Hanisch den Radius erweitert. Ihre Gruppe mit sieben Kindern und Jugendlichen im Alter von 8 bis 20 Jahren beschäftigt sich intensiv mit dieser Tierart. Bilder, viele Geschichten, Handarbeiten sorgen für Abwechslung - und doch reicht nichts an die Ausflüge nach Buttenhausen heran, wo das Wissen lebendig wird. Kräftig bürsten, schmusen, Halfter anlegen und los gehts in Richtung Lauter. Nicht immer zügig. "Wenn ein Esel vor einer Brücke zögert, drückt er damit Vorsicht aus. Und das muss nicht schlecht sein", erklärt Annette Hanisch. "Man muss sie nur verstehen - die Esel-Sprache", ergänzt Christiane Schmidhuber, "es sind sehr kluge Tiere". Im Umgang mit Menschen zeigen sie sich rücksichtsvoll und aufmerksam. So kann sich eine an Multipler Sklerose erkrankte Rollstuhlfahrerin an Pino anhängen und sich auf seine Zugkraft verlassen. Ein blinder Mann vertraut sich beim Gehen dem "Kleinen Muck" an. Der Esel hat schon knapp zwanzig Jahre auf dem Buckel und sieht auf einem Auge nichts mehr. Er ist sensibel und reagiert seit einer Ausbildung auch auf kleine Körpersignale, ist damit vergleichbar mit einem Blindenhund.

Tiere sind die Verbindung zur Schöpfung und zur Natur. Ein letztes Bindeglied. Wertneutral. Das bedeutet: "Sie nehmen mich so an, wie ich bin." Christiane Schmidhuber erlebt bei ihrer Arbeit verblüffende Reaktionen. Menschen, die sich in sich zurückgezogen haben, öffnen sich wieder und fassen Vertrauen. Im Umgang mit Tieren werden motorische und kognitive Fähigkeiten gefördert und tief sitzende Ängste leichter überwunden. Wer am liebsten hinterm Ofen sitzt, erlebt einen Anreiz, öfters nach draußen zu gehen. Die frische Luft, der Wechsel der Jahreszeiten... Jeder Weg verschafft Eindrücke. "Diese Freude, diese Wachheit im Blick" zu erleben, das ist für Christiane Schmidhuber immer wieder eine Bestätigung dafür, dass die "tiergestützte Therapie" auf vielen Ebenen Sinn macht. Während sie das sagt, streichelt sie "Pippi Langstrumpf", ein schwarzes Chochin-Huhn. Hahn Krabat plustert sich auf, die Hasen haben sich verkrochen, zwei Katzen halten Abstand. Es ist saukalt. Die Terrasse, auf der sich sonst an Demenz erkrankte Bewohner aufhalten, ist leer. "Sie müssen im Frühjahr kommen, wenn unsere Küken schlüpfen. Dann ist hier aber was los..."

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