"Wer hat den Schlüssel?"
Buttenhausen. Marlies Haist, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinden Apfelstetten und Buttenhausen hat das Kirchenwort verfasst.
Kennen Sie das? Sie stehen vor der Tür, wollen aufschließen und hineingehen (oder hinaus) - und Sie haben den Schlüssel nicht! Da ist es gut zu wissen, ob noch jemand den Schlüssel hat! Das Buch der Offenbarung des Johannes handelt von dem, der den Schlüssel hat und so über Leben und Tod Herr ist und sagt: "Ich war tot und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle" (Offb. 1,18).
Auch wenn ihm Hören und Sehen vergangen sein mag: In der Verbannung auf der Insel Patmos hört und sieht Johannes eine andere Welt: Licht, Wahrheit und Gerechtigkeit, verkörpert in der Gestalt des Menschensohns. Dagegen verblassen all die Albträume von Leid, Verfolgung und Gewalt. Ja, es gibt eine andere Wirklichkeit! Es hat jemand den Schlüssel! Das Buch der Offenbarung des Johannes ist kein Buch, das uns das Fürchten lehren soll, sondern es soll die Gemeinde Christi trösten und im Glauben stärken. Juden und Christen eint die Hoffnung auf den einen Gott.
Es gibt keine Zeit und keinen Raum, wo Gottes Herrschaft nicht besteht. Und doch gibt es menschengemachte Orte, wo das Leben zur Hölle gemacht wird, und es scheint, als würde die göttliche Gerechtigkeit dort nicht hingelangen. Ein jiddisches Lied aus Osteuropa singt davon: "Nit such mich dort, wo Myrten grinen - gefindst mich dortn nit, mein Schatz; / wo Lebens welkn bei Maschinen, dortn is mein Ruheplatz. / Nit such mich, wo die Voigl singn - gefindst mich dortn nit, mein Schatz; / a Schklav bin ich, wo Kejtn (Ketten) klingen, dorten is mein Ruheplatz. / Nit such mich, wo Fontanen spritzn - gefindst mich dortn nit, mein Schatz; / wo Trären (Tränen) rinnen, Zeijner kritzn (Zähne knirschen), dortn is mein Ruheplatz."
Der Menschensohn hat den Schlüssel - des Todes und der Hölle. Das mit "Hölle" übersetzte Wort ist hier das griechische Wort Hades und entspricht dem Scheol in der hebräischen Bibel: Totenreich, Unterwelt, Schattenreich, wo die Vergessenen im Dunkeln ein Dasein fristen, das nicht einmal mehr ein Dasein ist.
Was ist für uns Unterwelt, ein Albtraum, zu dem der Schlüssel fehlt? Wir können an Katastrophen und Krisen weltweit denken, an persönliche Krisen und "Weltuntergänge", die Probleme unserer Kirchen und Gemeinden. Was empfinden wir als Entfremdung, Gefangenschaft, Ausweglosigkeit und was als Rettung, als "Ruheplatz"? Wo geht es hinaus ins Freie?
Es gibt freilich auch trügerische Ruheplätze und offene Türen, die eine Gesellschaft nicht ins Freie führen, sondern in die Gewaltherrschaft, beispielsweise als die "Euthanasie" von der nationalsozialistischen Propaganda als "Erlösung" angepriesen wurde. Die Johannesapokalypse enthält jedenfalls wie die Propheten geballte Herrschaftskritik. Im Buch des Propheten Jesaja (Kap. 14) ist in einem Spottlied gegen den babylonischen König nachzulesen, wie er sogar noch das Totenreich in Angst und Schrecken setzt und letztlich genauso erbärmlich zerfällt wie alle anderen aufgeblähten Mächte: "Wie bist du vom Himmel gefallen, du schöner Morgenstern!" Er hat keinen Schlüssel, findet den Ausgang nicht. Der große babylonische König muss in der Unterwelt bleiben. Doch die Offenbarung setzt die gute österliche Botschaft dagegen: Die "Unterwelt" des Todes ist ein Albtraum, der ein Ende hat.
Wer hat den Schlüssel, um den Albträumen ein Ende zu bereiten? Der Menschensohn, der von sich sagt: "Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige". Er sagt zur Gemeinde in Philadelphia: "Siehe, ich habe vor dir eine Tür aufgetan und niemand kann sie zuschließen" (Offb. 3,8). Amen.
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Autor: SWP | 04.02.2012
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Marlies Haist hat das Kirchenwort verfasst.
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