Wenn das Leben auf der Kippe steht
Münsingen. Er wird als "spannender Gast" angekündigt, auch weil bis zur letzten Minute nicht ganz klar ist, ob er tatsächlich auftaucht. Doch auf Bendedict Wells ist Verlass. Der Schriftsteller begeisterte 110 Zuhörer.
Die Anreise ist ein Kapitel für sich. Der junge Schriftsteller setzt sich in München in den Zug nach Ulm, steigt um und findet in Schelklingen einen Bus, der ihn auf die bereits in der Dunkelheit versunkene Alb hinauf bringt. Allein mit dem Fahrer entspinnt sich ein Gespräch, das Wells leider nicht wiedergeben kann, "weil ich ihn nicht verstanden habe". An der Endstation erhält er eine diffuse Wegbeschreibung, die ihn später durch Münsingens Gassen irren lässt.
Fast punktgenau erreicht er dann doch die Zehntscheuer, wo er von 110 Besuchern und den schon leicht nervösen Veranstaltern - Buchhändler Roland Schatz und Stadtbüchereileiter Armin Groß - erwartet wird. Alle zusammen erleben einen tollen Abend, in dessen Verlauf Benedict Wells Passagen aus seinem neuen Roman "Einfach genial" liest und erzählt, wie er zum Thema Samenbank und Designerkinder gekommen ist, welche Charaktere seine Protagonisten ausmachen, welchen Träumen sie nachhängen und welche Rolle der Zufall spielt. Die lockere und spannende Lesung des sympathischen und unkomplizierten Autors wird noch getoppt durch seine Signierstunde(n), in deren Verlauf er auf jeden einzelnen Besucher eingeht, mit Engelsgeduld Fragen beantwortet, Bücher- und Musiktipps gibt und ausführliche Widmungen schreibt, die persönlicher und netter nicht sein könnten.
Doch zunächst verdient Francis alle Aufmerksamkeit, ein schweigsamer, verzweifelter Siebzehnjähriger, der mit seiner depressiven Mutter in einem Trailerpark lebt und keine Chance sieht, aus dem Elend auszubrechen - bis er entdeckt, dass sein leiblicher Vater ein Harvard-Absolvent ist, der am zweifelhaften Experiment eines verrückten Millionärs teilgenommen hat, der mittels einer Samenbank intelligente Menschen erschaffen will.
Was sich nach Frankenstein anhört, ist Realität. Benedict Wells ist durch einen Zeitungsartikel auf Robert Klark Graham gestoßen, der 1980 damit begonnen hat, "Genie-Sperma" einzufrieren, um damit den Fortbestand einer Elite zu sichern. 217 angeblich hochintelligente Retortenkinder sind zur Welt gekommen, den Lebensspuren von 30 ist ein amerikanischer Journalist gefolgt. Benedict Wells konnte es kaum fassen, dass noch kein Literat auf die Idee gekommen war, dieses irre Thema aufzugreifen. Zum Glück, muss man heute sagen, denn besser hätte es niemand nachzeichnen können - diese Zerrissenheit eines Heranwachsenden, die Hoffnungen, die er in seine Herkunft setzt, seine Sehnsucht nach Anerkennung - nach einer Familie." Ihn quälte der Gedanke, dass sein Vater nichts von ihm wusste und dass er vielleicht all die Jahre gern für ihn dagewesen wäre..."
Zwischendurch erzählt Wells, dass er mit 15 "Hotel New Hampshire" von John Irving ("ein tolles Buch") in die Hände bekommen hat und danach wusste, dass er das Abi noch machen will, "aber dann wird geschrieben". Leichter gedacht. In Berlin lebte er in Bruchbuden und schlug sich mit Gelegenheitsjobs durch. Für eine Recherche in Amerika fehlte ihm das Geld. Doch dann kam "Becks letzter Sommer" (später "Spinner") beim Diogenes -Verlag heraus. Der Vorschuss reichte, um der Samenbank-Story auf den Grund zu gehen.
Im Roman fährt Francis mit der labilen und nur schwer einschätzbaren Anne-May, die mal freundlich, mal abweisend reagiert, und seinem verschrobenen Freund Grover in einem alten Chevy quer durchs Land. Sie sind euphorisch, ("alles ist möglich in dieser Nacht."), fühlen sich nahe, oft auch einsam - "drei Vögel, die aus dem Nest gefallen sind". Die Suche nach dem Vater tritt dann in den Hintergrund, wenn es um die Beziehungen der Drei geht. Oder ums Risiko. Francis zockt im Casino - und verliert. "Das Spiel ist eine Metapher", sagt Benedict Wells, "weil sein Leben auf der Kippe steht. Es kann so oder so ausgehen".
Das Ende ruft unterschiedliche Reaktionen hervor. Ihm selbst sei es in Las Vegas eingefallen, "danach konnte ich es kaum erwarten, es zu schreiben". Es gab Leser, die sind wütend geworden "und hätten mir am liebsten eine reingehauen". Wer jedoch scharf nachdenkt und die Tiefen in diesem Buch von Beginn an wahrnimmt, der kommt zu dem Schluss, dass es nur diese eine Lösung gibt. Einfach genial.
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Autor: GUDRUN GROSSMANN | 18.11.2011
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Mit seinem Roman "Fast genial" stürmt Autor Benedict Wells die Bestsellerlisten. Am Mittwoch las er in der Zehntscheuer vor 110 Besuchern und widmete sich anschließend beim Signieren den Fragen seines Publikums. Foto: Gudrun Grossmann
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