Weg vom Kirchturmdenken

Erpfingen.  Auf großes Interesse stieß der erste überregionale Tourismus-Stammtisch in Erpfingen. Der Einladung von Bettina Peters vom Tourismusverein Sonnenalb zum Erfahrungsaustausch folgten rund 30 Gäste.

Die Zusammenkunft war ein Novum und wird in Zukunft in regelmäßigen Abständen stattfinden. Der überregionale Tourismus-Stammtisch soll zusammenführen, was lange Zeit nur nebeneinander existierte. Das oft praktizierte Kirchturmdenken auf dem Feld des Tourismus soll einer vernetzten Herangehensweise und gemeinsamen Anstrengungen weichen. So jedenfalls lautete der Tenor des ersten Tourismus-Stammtischs im Sonnenbühler Teilort Erpfingen.

Neben Vertretern der Städte und Gemeinden Sonnenbühl, Münsingen und Burladingen nutzten zahlreiche Praktiker mit verschiedensten Perspektiven die Gelegenheit, sich über örtliche Gegebenheiten zu informieren, Ideen auszutauschen oder sich zwanglos kennenzulernen. Ein erster aber wichtiger Schritt, um zu einem breit angelegten Angebot zu kommen, ein Bewusstsein für Gemeinsamkeiten zu entwickeln, Scheuklappen abzulegen und so das Image der Schwäbischen Alb als Urlaubsdestination zu schärfen: "Nur zusammen kommen wir weiter", redete etwa Wolfgang Schütz, Geschäftsführer von "Mythos Schwäbische Alb", den Akteuren ins Gewissen. Schütz war gekommen, um den über Landkreise hinweg agierenden Verband vorzustellen, gleichzeitig aber auch den Ist-Zustand und die Perspektiven des Albtourismus zu skizzieren. Er bemängelte das Schattendasein, das der Tourismus in der Betrachtung vieler Menschen friste und nannte Zahlen: Rund 350 Millionen Euro werden alleine im Landkreis Reutlingen jedes Jahr durch den Tourismus erwirtschaftet, etwa 7000 Arbeitsplätze hängen davon ab. Dabei entpuppt sich vor allem der Tagestourismus als Zugpferd: 8,5 Millionen Ausflügler stehen etwa 1,1 Millionen Übernachtungsgästen entgegen.

Ist also alles gut? Jein, denn die beeindruckenden Zahlen kommen nicht wegen, sondern trotz einer Gepflogenheit zustande, die unisono als problematisch aufgefasst wurde. Öffentlichkeitswirksame Aktionen oder Angebote enden an Gemeinde- oder Landkreisgrenzen, der Gast sieht sich einem touristischem Flickenteppich gegenüber und tut sich schwer damit, mehrere Angebote zu kombinieren. Wie es anders gehen kann, schilderte Bernd-Matthias Weckler, Tourismus-Chef in Münsingen. Hier entstanden in den vergangenen Jahren zahlreiche, verschiedenartige Angebote und damit "mehrere Gründe, nach Münsingen zu kommen". Es sei gelungen, neue Zielgruppen anzusprechen und die Attraktionen gebündelt zu vermarkten. Eine Aufgabe, die neben gezieltem Mitteleinsatz auch Einfühlungsvermögen "aus der Sicht des Gastes" als wichtige Grundlage erfordere, wie Weckler zu Bedenken gab.

Auf die Voraussetzungen in Münsingen kann Burladingens Hauptamtsleiter Michael Schäfer nur neidvoll blicken. Er sieht den Ausbau der touristischen Infrastruktur in seiner Stadt noch in den Kinderschuhen, weiß aber um die Bedeutung des Tourismus als wesentlicher Bereich: "Wir müssen da ran. Es ist die einzige Chance, beim Thema Arbeitsplätze dabei zu sein." Allein, es mangelt zwar nicht an Ideen, dafür an Geld und an Durchsetzungsfähigkeit, wenn es darum gehe, weitere Angebote zu etablieren. Neidvoll deshalb auch sein Blick nach Sonnenbühl. Dort kümmern sich engagierte Bürger in dem eigens gegründeten Verein Sonnenalb um touristische Vermarktungsstrategien.

Neben der Vernetzung der einzelnen "Inseln" und stimmigen Vermarktung ist ein vorrangiges Ziel der Akteure, die Bevölkerung für den Tourismus zu gewinnen. Schütz sieht darin einen Prozess und ein "zartes Pflänzchen". Dabei reiche es manchmal schon aus, "die Mundwinkel nach oben zu ziehen".

Auch Gabi Braun, Vorsitzende des Fördervereins Ostereimuseum in Erpfingen, sieht Bedarf an einem Mentalitätswandel: "Den Leuten wird durch den Tourismus nichts weggenommen, sondern etwas gegeben."

Vom ersten Stammtisch ging ein klares Signal zum touristischen Aufbruch einer ganzen Region aus - Mitstreiter sind gesucht und nach traditioneller Gastfreundschaft herzlich willkommen.


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Autor: SIMON WAGNER | 05.04.2011

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