Viele Nachfahren jüdischer Mitbürger reisen aus den USA zur Museumseröffnung an

Für Konrad Bernheimer, Urenkel, des Stifters der Bernheimerschen Realschule war es ein berührender Moment: Am Freitagabend wurde das neukonzipierte jüdische Museum in Buttenhausen eröffnet.

ULRIKE BÜHRER-ZÖFEL |

Martin Stoldt, in Apfelstetten lebender Jude, und Konrad Bernheimer, Urenkel des Haus-Stifters, haben sie gemeinsam und mit einem Gebet angebracht: Die Mesusa, eine Schrifthülse mit einem Torazitat, das in jüdischen Häusern am Türpfosten befestigt ist. Jetzt auch im Museum.

Und seit Freitag tragen dort alle fünf Räume, die jeweils einen Aspekt des jüdisch-christlichen Lebens in Buttenhausen beleuchten (wir haben ausführlich berichtet), einen Namen: Friedrich Freiherr von Liebenstein steht für den Anfang, für die Ansiedlung der Juden im 18. Jahrhundert. Im Michael Silberstein-Raum ist die jüdische Religion Thema; Silberstein war Rabbiner in Buttenhausen. Lehmann Bernheimer, Stifter der gleichnamigen Schule, die sowohl jüdische wie auch christliche Kinder besuchten, gibt Raum drei den Namen. In dem dreht sich alles ums Zusammenleben in Buttenhausen. Raum vier, der das Ende der jüdischen Kultur im Ort dokumentiert, ist dem Lehrer Naphtali Berlinger gewidmet; er wurde im KZ Theresienstadt ermordet.

Wer Namensgeber ist für den fünften Raum - Ereignisse unter dem NS-Regime werden da aufgearbeitet, zeitgenössische Gedenkarbeit vorgestellt - das ist eigentlich keine Frage: Walter Ott. Ohne ihn gebe es kein jüdisches Museum. Bürgermeister Mike Münzing lobte Otts Interesse an der jüdischen Geschichte, sein Engagement beim Zusammentragen und Bewahren von Dokumenten und Objekten. Und Stadtarchivar Steffen Dirschka bezeichnet Ott als "wertvollen Informationspool", auch bei der Neugestaltung des Museums. Ortsvorsteher Rudi Schustereder, der sich in den letzten Jahren "mehr Interesse der Buttenhausener am Museum" gewünscht hätte, erinnerte daran, dass Ott am Anfang " Ablehnung, Hohn und Spott geerntet hat. Aber er hat sich nicht beirren lassen".

Dem Museum kommt eine ganz besondere Bedeutung zu. Das zog sich als roter Faden durch die - letztlich neun - Reden. Denn Landesrabbiner Netanel Wurmser hatte sich kurzfristig doch noch fürs Kommen und eine Ansprache entschieden. Münzing betonte, wie wichtig es sei, "die zunehmend verblassenden Spuren jüdischen Lebens" lesbar zu machen und sichtbar zu halten. Stets auch vor Augen, dass die Zeitzeugen immer weniger werden, kein jüdischer Bürger aus Buttenhausen mehr lebt.

Aber deren Nachfahren - Kinder, Enkel und Urenkel - waren am Freitag sehr zahlreich vor allem aus den USA nach Buttenhausen gekommen. Ihre Anwesenheit, so Landrat Thomas Reumann, mache die Eröffnung "zu einem besonderen Ereignis." Es sei "ein Brückenschlag von einem guten Miteinander über den Wahnsinn des NS-Rassenhasses bis hin zu einer gemeinsamen Gegenwart und Zukunft". Genau das symbolisiere das Museum. Wichtig ist Reumann, dass "jede Generation das Recht und die Pflicht hat, eigene Formen des Gedenkens zu finden", so das kollektive Gedächtnis lebendig zu halten, eine Basis fürs Gespräch zu bieten. Kreisarchivarin Irmtraud Betz-Wischnath ging auf die Bedeutung der Juden für die enorme wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung des kleinen Albdorfs ein. Mit pädagogisch-didaktischen Zeugnissen im Museum könne man Schüler und junge Leute für die Geschichte interessieren, denn: "Das Gedenken darf nicht aufhören." Das ist auch Sybille Thielen von der Landeszentrale für Politische Bildung ein Anliegen. Sie sicherte Zusammenarbeit für künftige Projekte zu. Dirschka gab noch einen Überblick über die neunmonatige Bauzeit. Die Gestalter Stefan Hartmaier, Martin Mangold und Markus Ege erklärten vor dem Rundgang, was es mit der Dokumentations- und Inszenierungsebene auf sich hat.

Pfarrerin Marlies Haist erzählte von Gesprächen mit älteren Einwohnern, die immer noch um ihre jüdischen Nachbarn trauern. Und Konrad Bernheimer, der aus München angereist war, bezeichnet am Ende der Reden die Eröffnung des Museums als "Trost und Versöhnung". Klezmermusik gehörte ebenso zum Festprogramm wie koscheres Essen, zubereitet in der Landheimküche. Wie aufwendig es ist, dass Gläser, Teller und Besteck den jüdischen Speiserichtlinien entsprechen - das wissen jetzt Gerlinde Ulrich und ihr Team von der Stadtverwaltung.

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