Stark sein trotz Schwäche
Münsingen. Wenn die Schule zum Übel wird, der tägliche Kampf um Hausaufgaben die Nerven raubt und die Noten mies sind, sollte genau hingeschaut werden, denn eine Lernschwäche könnte die Ursache sein.
"Viel Fleiß, viel Preis" lautet ein alter Spruch. Kinder, die an einer Rechtschreib- oder Rechenschwäche leiden, brauchen sich ihn nicht übers Bett hängen, denn je mehr sie sich auch anstrengen, besser wird es dadurch kaum. Günter Sander betreibt in Münsingen eine Praxis für Prävention und integrative Therapie. Sie ist in der Region deshalb einmalig, weil sie von der Jugendhilfe anerkannte Legasthenie- und Dyskalkulieprogramme anbietet. Dazu gehören individuelle Förderungen für betroffene Kinder, Angebote für Eltern und Aufklärung in den Kindergärten und Schulen. Seit zehn Jahren hält er Vorträge und kommentiert Forschungsergebnisse in der Fachpresse, Schwerpunkt sind dabei die Studien der Internationalen Frostig-Gesellschaft mit Sitz in Pasadena/Kalifornien, für die er auch Elternratgeber übersetzt und konzipiert. Gerade was die Legasthenie anbelangt, sind die Testverfahren, die auf eine Analyse der Vorläuferfähigkeiten abzielen, ausgereift, ebenso entsprechende Programme, durch die Defizite gezielt behandelt werden. Allerdings bemängelt Günter Sander, dass in den Kindergärten diese Möglichkeiten noch zu wenig bekannt sind und entsprechende Vorschultests bislang kaum Anwendung finden. "Viele Fähigkeiten, die für die Schule wichtig sind, werden lange vorher erworben." Also lohnt es sich auch, darauf besonders zu achten.
Kinder sind hochmotiviert, wenn es endlich losgeht mit dem Unterricht. Sie sind fleißig, aufmerksam, verstehen es in den ersten beiden Jahren Mängel zu kompensieren. Das geht nicht lange gut. Sander: "In der dritten Klasse treten die Schwierigkeiten dann zutage." Es kommt zu Zurückstufungen, nicht selten zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen zwischen Lehrern und Eltern, die nicht begreifen können, warum ihr Kind in seiner Leistung plötzlich abfällt. Der Therapeut zieht als Vergleich einen100-Meter-Lauf heran. "Am Anfang sind alle auf gleicher Höhe, dann zeigen sich die Unterschiede." Je größer der Abstand, umso komplizierter wird es.
Der Lernort Schule hat sich gewandelt: Selbstverantwortliches und freies Lernen löst den Frontalunterricht nach und nach ab. 80 Prozent der Schüler hätten damit kein Problem, 15 Prozent würden mit Anfangsschwierigkeiten kämpfen "und 5 Prozent fallen durch den Raster durch", schlüsselt Sander auf. Und genau diese Minderheit ist es, die ihn beschäftigt.
Wenn ein hoher Druck aufgebaut wird, verlieren Kinder die Lust. Sie reagieren aggressiv, klagen über körperliche Symptome wie Bauch- und Kopfweh, sind depressiv verstimmt und verschlechtern sich in ihrem Sozialverhalten. Reagieren die Eltern mit Härte, wird alles nur noch schlimmer.
Günter Sander empfiehlt eine fachärztliche Diagnostik. Auf deren Grundlage baut er eine gezielte Förderung auf - in enger Kooperation mit den Eltern, die sehr viel zum Gelingen beitragen können. Für sie bietet er die "Die Gesetze des Schulerfolgs" an. Die wichtigsten Säulen: Konkrete Alltagshilfe, Ausbau der Kompetenzen und der Verantwortung im Bereich Erziehung ("sie gehen optimistischer und selbstkritischer an diese Aufgaben heran"), und entdecken ihre wichtige Rolle als Lernbegleiter.
Mehr Miteinander, mehr gegenseitiges Verständnis. Kinder sollen die Familie als Rückhalt und Hilfe erleben. "Es geht darum, ihre Lernfreude zu stärken und zu erhalten." Das gelingt nur, wenn nicht ständig auf den Fehlern herumgehackt wird. Die Fähigkeiten treten dafür in den Vordergrund. Lob statt Tadel - schon allein dieser Grundsatz sorge für ein besseres Klima in den Familien. Selbstverständlich sind in diesen "ganzheitlichen Komplex" auch stark die Schulen einbezogen.
Legasthenie lässt sich nicht aus der Welt schaffen. Sander: "Aber es ist möglich, die Fehlerzahl in einem Text auf die Hälfte zu reduzieren, und das ist für ein Kind schon mal eine tolle Leistung." Das lautgetreue Schreiben müsse aufgebrochen werden, ein Wort sich in Laute zerlegen lassen, die sich einzelnen Buchstaben zuordnen lassen. Ein Gefühl für den Zusammenhang von Schrift und Sprache ist notwendig, um sicherer zu werden.
Der Fachmann spricht von "Entwicklung von Erfolgsattributen", die das Selbstwertgefühl stärken. "Eine Lernschwäche ist keine Behinderung." Diese Kinder seien nicht weniger intelligent - nur eben anders.
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Autor: GUDRUN GROSSMANN | 20.03.2010
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Wie wird ein Wort ausgesprochen, wie wird es geschrieben? Fotos: Archiv
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Kommentare (2)
Rechenschwäche ist keine Krankheit
Leider glauben viele Grundschulkinder nach einiger Zeit in der Schule tatsächlich, Mathe sei reines Üben und Auswendiglernen - das ist aber falsch, auch wenn die Mathematik in der Schule das den Kindern so suggeriert. Die Lösung besteht darin, zunächst einmal eine genaue individuelle, mathematische Lernstandsanalyse erstellen zu lassen, damit man weiß, welche Probleme das Kind eigentlich hat und wo man am besten anknüpft, um das Kind zu fördern. Eine fachärztliche Untersuchung kann insofern nicht Grundlage einer Förderung sein. Auch die Nichtbeachtung von Fehlern führt in die Irre. Die Besprechung und Aufklärung der Fehler ist nötig, aber eben ohne moralische Schuldhudelei und auch ohne leere Lobhudelei für richtige Ergebnisse - egal ob verstanden oder nicht.Wichig ist, Bewertungen auf dem Klassenniveau auszusetzen und Überforderung abzustellen!
http://knol.google.com/k/rechenschw%C3%A4che-informationen-und-hinweise-zur-sogenannten-dyskalkulie#
Rechenschwäche ist keine Krankheit
Gut beschrieben! Eine individuelle, mathematische Lernstandsanalyse ist der Beginn einer Förderung. Jede Therapie beginnt mit einer genauen Analyse der Störung.