Neue Persönlichkeit
Münsingen. Drei Werkgruppen der Porträtfotografie von Wolf Nkole Helzle in einer Ausstellung: "Ich bin wir". Sie ist bis zum 18. Juli in der Zehntscheuer zu sehen und zeigt, dass alle Individuen Teil eines großen Ganzen sind.
Spätestens seit der Fotoaktion anlässlich des 1200-jährigen Münsinger Stadtjubiläums ist der Gächinger Medienkünstler Wolf Nkole Helzle in Münsingen kein Fremder mehr. Er hat insgesamt 1244 nahsichtige Kopfbilder mit aller Konzentration auf die Physiognomie geschaffen: "Bilder von Menschen, die Teil von Münsingen sind", sagte Bürgermeister Mike Münzing bei der Ausstellungseröffnung am Sonntagvormittag und bezeichnete die Ergebnisse als "Fotokunst der besonderen Art", die das Münsinger Stadtjubiläum 2009 zu einem einzigartigen Erlebnis werden ließ. Weg vom Konsumverhalten, hin zum Mitmachen - Menschen, die sich in Münsingen bewegen mit Gesichtern, die etwas zu erzählen haben. Wolf Nkole Helzle hat in diesen Portraits jeden Menschen als Bestandteil der Gesellschaft einer fotografischen Reihenuntersuchung unterzogen. Teil und Detail - auf Leinwand projiziert verschmelzen die 1244 portraitierten Personen organisch ineinander. Im Verfahren des Computer gestützten "Morphings" erzeugt der Künstler unendliche Reigen der Gesichter von Münsingern und Gästen, Männern und Frauen, von alten und jungen Menschen, von Angehörigen unterschiedlicher Nationen und schafft das eine Gesicht eines Gemeinwesens, wie es der Medienkünstler vor Ort vorgefunden und in seiner künstlerischen Herangehensweise transformiert hat.
"Aus dem Bartgesicht wird die französische Majorettentänzerin - selten kann man bei der Betrachtung von Kunst so lachen", freute sich Münzing. Auf der einer überdimensionalen Tora-Rolle ähnelnden Lesevorrichtung ist dieses "Ich bin wir" ebenfalls zu finden, leichter Hand hat sich Helzle über Singular und Plural hinweggesetzt und unterstreicht nachdrücklich die Bedeutung des auf Nachhalt und Nachhall bedachten Tun und Handelns des Einzelnen für das Gemeinwesen sowie die Verantwortung der Allgemeinheit für das Einzelwesen.
"Erst in der allmählichen Annäherung an die Bildarbeit erschließt sich dem Betrachter dabei allerdings, dass sich das Schriftbild, die Buchstabenlettern und Worte aus Menschenköpfen als Personenpixel formieren", beschrieb Clemens Ottnad, Geschäftsführer des Kunstvereins Reutlingen, die Arbeiten Helzles. Auch bei seiner statischen Aufnahmeanordnung, einer Art Turmkabinenkonstruktion, von der Menschen von oben herab über Kopf fotografiert wurden, hat der Künstler eine scheinbar zufällige Bestandsaufnahme eingerichtet und einen Kontext zwischen "Ich" und den "Anderen" hergestellt. Mit "Points of View", also verschiedenen Standpunkten, werden höchst facettenreiche Portrait-Ansichten der Gemeinschaftsarbeit von Wolf Nkole Helzle und Luca Siermann geboten, sozusagen multiple Standpunkte von ein und derselben Person.
Neun Menschen werden gezeigt, deren Körper in neun Aufnahmehöhen festgehalten sind und jede dieser Aufnahmeebenen ist wiederum in neun Einzelbereiche - mit Drehungen um je 40 Grad sukzessive fortschreitend - unterteilt. Eine starr mechanisierte Versuchsanordnung, die jedoch völlig wider Erwarten keineswegs die inzwischen allseits verbreiteten Ich-Kulte und selbstherrlichen Egomanien aus dem Alltag bedient. Panorama-Portraits werden aufgerastert und in Einzelausschnittbilder zerstückelt, dann wieder neu zusammengesetzt.
Gleichberechtigung finden hier neun Mal Knöchel, Schuhe, Strümpfe, neun Mal Knie, Ärmel, Krägen, neun Mal Pulloverwolle, Anzugszwirn oder Häkelkleiderblümchen, neun Mal Leberflecken und gar Sommersprossen und sehr schnell wird deutlich, dass das Ganze, beziehungsweise Ganz-Geglaubte, aus vielen kleinen Teilen, aus Details zu bestehen vermag.
Von einer "Neumischung der Persönlichkeitskarten" sprach Ottnad, von neuartigen Bild-Anordnungen, die die Teilaspekte von dargestellter Person und ihrer physischen Verkörperung mal streng seriell mal spielerisch frei, dann wieder bloß ornamental auffächert oder nach Prinzipien der Wirkung von Farbe und von Hell-Dunkel sowie anderen Kriterien in den Fokus der Aufmerksamkeit und Wahrnehmung rücken. Diese 81 Körper-Kleidung-Haltungs-Bilder - quasi Puzzles schier willkürlich ausgewählter Detailvergrößerungen - sind augenfällige Rebellionen des scheinbar Unscheinbaren. Beide Fotografen haben mit der Kamera ihre Modelle ringsum abgetastet, die Ergebnisse sind absolut verblüffend. Denn die vermeintlich seelenlose Zerstückelung der Abgebildeten ergibt einen höchst spielerischen "Magic Cube" in zwei Dimensionen, eine visuelle Spielwiese sondergleichen. Dieses Spannungsfeld von Individuum und Kollektiv besticht durch besondere Vielfalt und Unverwechselbarkeit der individuellen Physiognomie, die immer wieder von Neuem fasziniert und diese Ausstellung absolut sehenswert macht.
Info Die Ausstellung "Ich bin wir" ist bis zum 18. Juli in der Zehntscheuer zu sehen.
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Autor: MARIA BLOCHING | 05.07.2010
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"Points of View" - ausgewählte Beispiele der 360-Grad-Fotografie von Luca Siermann (links) und Wolf Nkole Helzle sind ebenfalls in der Ausstellung in der Münsinger Zehntscheuer zu sehen. Foto: Maria Bloching
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