Glücksspiel kann süchtig machen

Münsingen.  Der Glücksspielmarkt wächst rasant und wirft Milliardengewinne ab. Gleichzeitig steigt das Suchtproblem. Die Kommunen können der Entwicklung nur schwer einen Riegel vorschieben.

Von der Arbeit direkt in die Spielhalle. Der 24-jährige KFZ-Mechaniker, verheiratet, ein Kind, sieht die kleine Abwechslung locker. "Heute habe ich 40 Euro gewonnen, gestern 80 verzockt. Was soll"s?" Niederlagen einzugestehen, das kommt schlecht rüber. Man hat - zumindest vordergründig - alles im Griff. Während die Menschen in den Läden ringsum ihre Einkäufe erledigen, laufen im "Joker Casino", das von der Kling-Automaten- GmbH aus Baindt betrieben wird, die bunten Walzen mit Bildchen, die in jedem Erstklässlerbuch zu finden sind. Lichter und Zahlen blinken auf, der Gewinn kann sich noch verdoppeln. Risikotaste. Und Absturz. Alexander (Name geändert) lächelt gequält und wirft die nächsten Münzen in den Schlitz. "Es gewinnt immer die Maschine. Das Spielen macht Spaß, aber es kotzt einen auch an." Der junge Mann, der in einer Druckerei arbeitet, kommt regelmäßig in das Einkaufszentrum zwischen Münsingen und Auingen, um zu zocken und andere Spieler zu treffen. "Es sind immer die gleichen Leute." Es herrscht so etwas wie eine stille Übereinkunft. Diejenigen, die einfach nur daddeln wollen, ziehen sich zurück, andere reden und sehen das Ganze als lockeren Treffpunkt. "Es gibt keinen Stress wie in einer Disco, man kommt und geht, jeder wie er will." Das einzige Problem ist das Geld.

Ein Familienvater und Selbständiger, 31 Jahre alt, erzählt seine Geschichte in knappen Worten: Mit 16 ("damals hat keiner so genau hingeschaut") zum ersten Mal gespielt - und gewonnen. Einigermaßen kontrolliert verlief die erste Phase, dann gingen richtig große Summen drauf. Er setzt sein Geschäft aufs Spiel, verprellt die Verwandtschaft und Freunde, indem er Geld leiht und nicht zurückbezahlt. Seine Frau kann ihn nicht stoppen, weil sie selbst längst abhängig ist. "Wenn es an das Geld geht, das du nicht hast, dann ist es aus."

Vor zwei Jahren hat das Ehepaar die Reißleine gezogen. "Jeder hat auf den anderen aufgepasst. Monatelang haben wir um Spielhallen einen großen Bogen gemacht." Und das alles ohne fachliche Hilfe. Stellt sich eine Frage: Was macht er dann hier? Die Antwort: "Ich spiele." Aber es sei kein Vergleich zu früher. Es gebe da ein paar Grundregeln: "Keine EC-Karte, nicht mehr als 20 Euro in der Tasche." So würde es ganz gut funktionieren, spricht und ist fast schon wieder verschwunden. Ein bisschen ärmer, eben gerade so, "dass es mich nicht weiter juckt". Dann meldet er sich doch noch kurz zu Wort: "Es ist eine Sucht, aber durch Verbote oder Abbau von Automaten kriegt man das nicht in den Griff. Das macht es nur noch interessanter." Das sei seine Meinung als Vater. Sie zielt auch auf das Thema Alkohol ab, auf die Verkaufsbeschränkungen an den Tankstellen beispielsweise, die rein gar nichts bringen würden. "Dann decken sie sich halt im Supermarkt mit dem Zeugs ein und saufen es weg."

Eine klare Haltung, was die staatliche Einmischung betrifft, hat auch Sefer Yigit. Er ist Wirt in der Münsinger Gaststätte "Spond" und seit zehn Jahren Automatenaufsteller. Dass die Liberalisierung der Spielverordnung im Jahr 2006 nun teilweise wieder zurückgenommen, die Automaten eventuell ganz aus den Lokalen verbannt werden sollen, hält er für eine Farce. "Den Kleinen geht es an den Kragen," sagt er, und nur deshalb, weil die staatlichen Kasinos die Kundschaft verlieren würden und damit wichtige Einnahmequellen. Es gebe eine Verschiebung zum Automatenspiel. "Das ist drastisch gestiegen." Er selbst ist im Umkreis von 150 Kilometern unterwegs und hält Kontakte zu vielen Gaststättenbetreibern. Er rede nicht vom "Spond", aber für manche Kollegen werde es schwierig, die Kneipe zu halten, wenn der Erlös aus den Automaten fehlt. Die Suchtproblematik bleibt außen vor. Sefer Yigit: "Ich sage zu niemanden, er soll spielen. Das hat jeder selbst in der Hand." Bei Jugendlichen lasse er sich den Ausweis zeigen. Wer volljährig ist, kann zocken. "Die sind alt genug, um zu wissen, kann ich mir das leisten oder nicht."

Die Städte haben nur begrenzt Möglichkeiten, die Ansiedlung von Spielhallen zu verhindern. In Münsingen wird es für die Innenstadt und den Teilort Auingen eine Beschränkung geben, so Stadtbaumeister Alfred Schnürch. Für diesen Bereich werde ein Bebauungsplan aufgestellt, in dem Vergnügungsstätten reglementiert werden. Für die bestehenden drei Standorte gelte Bestandsschutz. Ebenso für eine Spielhalle im Industriegebiet West. Dort könnte die Stadt ohnehin nicht als Spielverderber auftrumpfen, denn der Bereich ist vom Plan ausgenommen.


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Autor: GUDRUN GROSSMANN | 03.03.2011

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