Elefant auf Abwegen

Thalfingen.  Elefant Benjamin hat jüngst im Winterquartier des Zirkus Luna in Thalfingen für Aufregung gesorgt. Er war ausgebüxt. Der Zirkus ist ein Familienbetrieb. Ein schönes, aber anstrengendes Geschäft.

Er hat seinen Ausflug gut verkraftet, der afrikanische Elefantenbulle Benjamin steht wieder in seinem beheizten Gehege im Winterlager des Zirkus "Luna" in Thalfingen. Am Freitagabend hatte der 26 Jahre alte Dickhäuter für einige Aufregung gesorgt, er war während eines Spaziergangs mit Junior-Chef Stefan Frank (45) ausgebüxt, um auf eigene Faust nach Futter zu suchen. Der Elefant hatte einen mit Efeu bewachsenen Baum entdeckt, etwa 50 Meter von seinem Aufseher entfernt - und auf dem Weg dorthin auch die direkt neben dem Winterlager gelegenen Bahngleise überquert. Frank hatte davon zunächst nichts bemerkt, er war durch ein Gespräch mit Passanten abgelenkt. Schließlich war es ihm gelungen, das Tier wieder zurück zum Zirkus zu führen.

Konsequenzen, etwa einen "Hausarrest", wird der unerlaubte Abstecher für den Elefanten nicht haben, Frank wird mit ihm auch weiterhin täglich durch die winterliche Umgebung Thalfingens spazieren. Nur eben ab sofort unter strengerer Aufsicht.

Er kennt den Elefantenbullen schon lange, tritt mit ihm in der Manege auf. Seit 24 Jahren gehört Benjamin zum Zirkus Luna. Er wuchs zunächst in einer afrikanischen Aufzuchtstation auf, berichtet Frank. Im Alter von zwei Jahren kaufte ihn der Zirkus von einem Tierhändler. Heutzutage ist das nicht mehr erlaubt, der Handel ist verboten. Neben dem Elefantenbullen gehören auch noch eine ganze Zahl weiterer Tiere zum Zirkus Luna: Zwei Bären, die derzeit Winterschlaf halten, Pferde, Minischweine, Ponys, zottelige Hochlandrinder und Dromedare zählen zur Menagerie.

Auf einem Gelände kurz vor dem Thalfinger Ortseingang hat der Zirkus über den Winter Quartier bezogen, dort stehen die Zugmaschinen und Wohnwagen für derzeit ein gutes Dutzend Zirkusleute, darunter auch einige Kinder, ein Bärenkäfig, ein großes Zelt, das als Stall dient, und ein kleineres, in dem mit den Tieren trainiert wird. Dahinter ist eine Pferdekoppel eingezäunt, auf der Ladefläche eines Kleintransporters liegen abgedeckt große Heuballen als Futter.

Und davon braucht der Zirkus jede Menge. "Allein Benjamin braucht täglich 200 Kilogramm Brot, Heu und Gemüse", erklärt Frank während eines Rundgangs über den Platz. Die Arbeit geht auch außerhalb der Saison nicht aus, neben der Versorgung der Tiere stehen dann vor allem Reparaturarbeiten an den Fahrzeugen auf dem Programm. Auch die Wohnwagen sind zu einem guten Teil Marke Eigenbau.

Im Gegensatz zur Winterkälte draußen, herrscht dort wohlige Wärme. Auf dem Herd in der Küchenzeile hat Franks Lebenspartnerin Alexandra Finckh einen großen Topf Nudeln aufgesetzt, im Fernseher läuft eine Zeichentrickserie. Drei Söhne hat das Paar, auch ein älterer Cousin ist zum Essen vorbeigekommen. "Unser Zuhause ist dort, wo unser Wohnwagen steht", sagt Frank. "Da fühlt man sich wohl."

Der Zirkus ist ein Familienbetrieb, seit 1972 zieht er von Stadt zu Stadt, gastiert im Jahr an rund 50 Orten in ganz Deutschland. Auch Stefan Frank war schon als Kind mit dabei. Die Zirkushistorie der Familie reicht allerdings weiter zurück: Schon Stefan Franks Großvater und Vater Walter sowie dessen Geschwister waren Zirkusleute, damals noch in der DDR. Ihr Zirkus wurde ihnen allerdings weggenommen, sie wurden vom SED-Regime enteignet.

Irgendwann hat es der Familie Frank gereicht, im Jahr 1960 - kurze Zeit vor dem Mauerbau - kehrten sie von einem Auftritt in Westberlin nicht in die DDR zurück. Sie blieben in Westdeutschland, ihr erstes Zuhause wurde ein Auffanglager im Landkreis Alzey-Worms in Rheinland-Pfalz. Einige Zeit später arbeiteten sie schon wieder im Zirkusgeschäft.

Ob sich heutzutage so ein Betrieb überhaupt noch lohnt? "Wenn man den Zirkus nur als Firma sieht, dann eher nicht", erklärt Frank. Es erfordere viel eigenes Engagement und einen starken Zusammenhalt in der Familie. Die vergangene Saison sei durchwachsen verlaufen, nach einem starken Frühjahr habe das Geschäft deutlich nachgelassen. "Viel Geld ist für den Winter nicht übriggeblieben." Derzeit haben etliche Familienmitglieder andere Engagements angenommen, um über die Winterpause Geld hinzuzuverdienen. Geht es Ende Februar wieder los, wird der Zirkus Luna mit seinem Nummern 30 Mann stark durch Deutschland reisen.

Winterquartier jedenfalls könnten sie auch Ende 2010 wieder in Thalfingen beziehen. Die Gemeinde will das Gelände weiterhin an Zirkusse vermieten, teilte Bürgermeister Joachim Eisenkolb mit.


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Autor: STEFAN CZERNIN | 27.01.2010

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