Ein dramatisches Geflecht

Münsingen.  Wenn die Opfer auf die Täter treffen, brechen Wunden auf, sind Schuldgefühle nicht mehr zu verdrängen. Im Film "Zweites Leben" ist dieser Konflikt zentrales Thema. Gedreht wird im "Alten Lager" in Münsingen.

Es ist die letzte und ganz entscheidende Szene. Eva Kiesel, gespielt von Julia Brendler, kommt in den Besucherraum der Justizvollzugsanstalt. Benjamin (Edin Hasanovic) sitzt an einem kleinen Holztisch und erwartet sie. Er wirkt unsicher und zerbrechlich. Nach einer kleinen Ewigkeit weicht er ihrem Blick nicht mehr aus und sagt ein einziges Wort: Danke. In diesem Moment fällt eine Last von ihm ab, seine Gesichtszüge entspannen sich. Das meint wohl Produzent Manuel Challal, wenn er vom künftigen "Superstar" spricht, denn Edin Hasanovic beherrscht die Mimik, wirkt ganz und gar authentisch. Der sympathische junge Schauspieler aus Berlin ist Hauptdarsteller im Drama "Zweites Leben", dem ersten Langspielfilm und Diplomfilm des Regisseurs Lars-Gunnar Lotz, der ebenso wie Kameramann Jan Prahl an der Filmakademie Ludwigsburg studiert. Auch für die beiden Produzenten, neben Challal ist dies Sebastian Sawetzki, ist "Zweites Leben" der Diplomfilm, mit dem sie sich für weitere Projekte empfehlen. Als Standort für ihre eigene Firma haben sie das Land Baden-Württemberg ausgemacht. Ihre aktuellen Produktionspartner, das Film- und Fernsehlabor Ludwigsburg (FFL), hat ihnen die Vorliebe für den Süden bereits vorgemacht - sie sind nur einen Katzensprung von der Filmakademie entfernt. Die beiden Geschäftsführer Matthias Drescher und Philipp Knauss stammen aus der gleichen Schmiede, so gesehen ist der Film "Zweites Leben" ein Urprodukt aus der schwäbischen Traumfabrik. Da passt es auch, dass die Nettoherstellungskosten sparsam mit rund 900 000 Euro unter die Millionengrenze gedrückt wurden. 400 000 Euro übernimmt der Südwestrundfunk, weitere 150 000 Euro steuert die Filmförderung Baden-Württemberg (MFG) bei. Die Filmakademie stellt die mobile Technik und die Schnitträume zur Verfügung. .

"Es ist ein höchst professionelles Team", sagt Manuel Challal, das mit Herzblut bei der Sache sei und gerade mal so viel verdiene, dass die Lebenshaltungskosten in dieser Zeit gedeckt sind. 69 Leute gehören zum Team, meistens arbeiten 50 bis 55 gleichzeitig am Set. Wer mobil ist, ist in umliegenden Ferienwohnungen untergebracht, 30 wohnen im "Alten Lager", dem früheren Kasernengelände, das bis Ende März Drehort ist.

Hier steht das Waldhaus. Im Nebel sieht es trostlos und verlassen aus. Dabei soll es Symbol für den Neuanfang sein - wie das tatsächlich existierende Seehaus bei Leonberg, in dem jugendliche Straftäter in fast familiären Gemeinschaften und einem eng abgesteckten Tagesablauf resozialisiert werden und damit eine Gefängnisstrafe umgehen. "Ich bin durch dieses realexistierende Projekt inspiriert worden", sagt Regisseur Lars-Gunnar Lotz. "Meine Drehbuchautorin Anna Praßler und ich waren beim Schreiben um eine größtmögliche Authentizität bemüht. Wir recherchierten tagelang innerhalb des harten Arbeitsalltages von jugendlichen Straftätern im Seehaus Leonberg. Die Personen, der Ort und die Handlung im Film sind jedoch rein fiktional."

Entstanden ist ein starkes Drama. Erzählt wird die Geschichte von Ben, der nach einem Überfall in den freien Strafvollzug kommt und dort auf die Hausmutter Eva trifft, jene Frau, die er angegriffen und so schwer verletzt hat, dass sie ihr ungeborenes Kind verloren hat. Sie ahnt zunächst nicht, wen sie vor sich hat. Er aber setzt alles daran, dass die Wahrheit nicht ans Licht kommt. Vergeblich. Evas Mann Niklas, gespielt von Marc Ben Puch, sieht wie sich seine Frau verändert und kennt lange den wahren Grund nicht. Puch: "Er ist derjenige, der über der Krise steht, der den Betrieb aufrecht erhält." Dieses Klischee vom starken Mann, dem Fels in der Brandung, wird im Verlauf des Films jedoch noch teilweise aufgebrochen. Die weiteren Hauptdarsteller sind Pit Bukowski in der Rolle des Tobias, Freund und Gegenspieler von Ben, der sich in diesselbe Frau verliebt, die Praktikantin Marianna Prkic, dargestellt von Natalia Rudziewicz, jedoch eine Abfuhr erlebt. Über allen lastet die unausgesprochene Wahrheit. In Eva keimt dieser schreckliche Verdacht. Als ihr dieser zur Gewissheit wird, will sie nur noch eins: Vergeltung.

Am Freitag herrscht eine düstere Stimmung auf der Alb. Der dichte Nebel drückt aufs Gemüt. In der Waldhausküche brennt Licht. Eva rührt den Schokoteig. Blondschopf Sarah (Julianna Götz aus Stuttgart) spielt Naschkatze und schäkert mit ihrer Mutter. Die Szene wirkt nur oberflächlich wie heile Welt. Niklas beobachtet seine Frau und macht sich Sorgen. Er spürt ihre Zerrissenheit. Tatsächlich durchlebt sie einen inneren Kampf - und lächelt dazu. Regisseur Lars-Gunnar Lotz schaut sich jede Einstellung am Monitor an und ist hochkonzentriert. Für ihn ist das "Zweite Leben" ein Film, der "ein dramatisches Geflecht um die Frage nach Schuld und Rache spannt." Und der - das lässt das "Danke" im Besucherraum erhoffen - vielleicht mit Vergebung und Seelenfrieden endet.


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Autor: GUDRUN GROSSMANN | 19.03.2011

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