Ein Ort mit vielen Spuren der jüdischen Gemeinde

Buttenhausen.  Zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur kamen am Sonntag zahlreiche Interessierte nach Buttenhausen. Sie erfuhren in Führungen Wissenswertes über das jüdische Leben und Sterben im Lautertal.

. In 49 Orten in Baden-Württemberg fanden Programme zum Europäischen Tag der Jüdischen Kultur statt, so auch in Buttenhausen, das heute noch viele Spuren jüdischen Lebens vorzuweisen hat.

Bereits am Vormittag boten Bernd Requardt, Ingeborg Naegelsbach und Nina Speidel einen geschichtlichen Ortsrundgang mit Lesungen an, der zu jenen verschiedenen Stationen führte, die für die Buttenhausener Juden einst große Bedeutung hatten. Walter Ott öffnete die Ausstellung "Juden in Buttenhausen" in der ehemaligen Bernheimerschen Realschule, außerdem gingen Eberhard Zacher und Pfarrerin Marlies Haist am Nachmittag beim Synagogenplatz auf die Bedeutung der Synagoge und beim jüdischen Friedhof auf Bestattungsrituale ein.

Zahlreiche Besucher waren zu den jeweiligen Programmpunkten gekommen und nutzten die Gelegenheit, in die jüdische Kultur einzutauchen. So erinnert in der Mühlsteige ein Gedenkstein an die Synagoge, die den in Buttenhausen lebenden Juden einst als Versammlungsort und Gotteshaus diente. Ende des 18. Jahrhunderts wurde sie hier erstellt, nach Osten ausgerichtet und mit einer Empore für Frauen versehen. Bilder gab es traditionell keine, dafür aber Lampen, Leuchter und ein ewiges Licht. Eine Orgel hielt wohl auch erst im 19. Jahrhundert Einzug. "Anders als in der christlichen Kirche ist die Synagoge kein geweihter Raum sondern ein zentraler Platz, der in der Bibel nach Markus zunächst als religiöse Schule diente und später die Tempel ersetzte", informierte Zacher. Dreimal täglich kamen auch die Buttenhausener Juden zum Gebet zusammen: einmal morgens und zweimal am Abend. Allerdings sei es zunehmend schwieriger geworden, dies durchzuhalten, weil es immer weniger Juden gegeben habe.

Die Synagoge in der Mühlsteige fiel schließlich auch der Reichsprogromnacht zum Opfer. Am 9. November 1938 wurde ein erster laienhafter Brandversuch gestartet, der von der SA-Leitstelle in Geislingen befohlen, allerdings von der ausgerückten Feuerwehr vereitelt wurde. Es erging nach Geislingen die Meldung, dass der Befehl nicht ausgeführt worden sei. Also rückte die SA noch einmal einen Tag später an und brannte die Synagoge endgültig nieder. "Diese eintägige Verzögerung ist einmalig in der Geschichte Deutschlands", machte Zacher deutlich. Danach versammelten sich die Juden im Rabbinatsgebäude von Oberlehrer Berlinger, der sich vornahm: "Solange noch ein Jude in Buttenhausen lebt, gehe ich nicht." Später starb er selbst in Theresienstadt.

Die Mühlsteige weiter oben befindet sich der Jüdische Friedhof, der am steilen Nordhang im Jahr 1789 angelegt wurde, in stetiger Kommunikation mit dem Christlichen Friedhof auf der gegenüberliegenden Seite des Tales. "Im Judentum war eine ordentliche Erdbestattung spätestens drei Tage nach dem Ableben wichtig", führte Pfarrerin Marlies Haist aus. Die Begleitung der Trauernden hätte auch in Buttenhausen eine große Bedeutung gehabt: Sieben Tage lang gab es Trauersitzungen, die Nachbarn bekochten die Hinterbliebenen und hielten Geschwätz von ihnen fern. Nach Ablauf des Trauerjahres wurde eine Kerze angezündet und der Grabstein aufgestellt.

Heute noch sind die beeindruckenden Aufschriften dank der mühevollen Arbeit von Walter Ott deutlich sichtbar: Nicht nur Namen fanden auf den Grabsteinen Platz, sondern auch persönliche Abschieds- und Segensworte, die einen Einblick in das in sich geschlossene Leben und die intensive Beziehung der Familien geben. Überwiegend sind die Grabsteine aus Sandstein, der Zahn der Zeit nagt immer mehr an ihnen. Denn ein jüdisches Grab besteht ewig, die Totenruhe darf niemals gestört werden. Es gibt keinen Blumenschmuck, lediglich kleine Steine auf den Grabsteinen, die schützen und erinnern sollen. "Wie geht es nach dem Tod weiter? Bei dieser Frage ist das Judentum sehr zurückhaltend", machte Haist deutlich. Lediglich im Glaube an das ewige Gericht mit Gott als Richter, der Gerechtigkeit schaffe, sowie in der Hoffnung auf Licht und die Nähe zu Gott herrsche weitgehend Einigkeit, ansonsten gäbe es große kulturelle Unterschiede.

Fast zwei Stunden dauerte die Führung zum Synagogenplatz und zum Jüdischen Friedhof, danach wurde im Café Ikarus von Dilek Weißstern und Revital Herzog ein musikalisches Rahmenprogramm geboten.


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Autor: MARIA BLOCHING | 06.09.2011

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