Das ist fast eine "K. o.-Regelung"
Buttenhausen. Während sich die Politiker über die Zukunft des Zivildienstes uneins sind, stellen sich soziale Einrichtungen auf gravierende Veränderungen ein, warnen und protestieren - wie zum Beispiel die BruderhausDiakonie.
Karl-Heinz Mangold ist stellvertretender Dienststellenleiter im Landheim Buttenhausen, einer Einrichtung der Bruderhausdiakonie. Den Einstieg in einen sozialen Beruf fand er über den Zivildienst, der damals 16 Monate dauerte. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus, sieht er bei den aktuellen Diskussionen nicht nur die befürchteten Versorgungslücken, sonder tiefergreifende gesellschaftliche Veränderungen, dahin fahrend dass jungen Männern der Zugang zu sozialen Arbeitsfeldern, die traditionell von Frauen besetzt sind, erschwert wird. Sie kommen erst gar nicht auf die Idee, weil sie diese Berufe nicht einschätzen können.
Ein Aspekt, der im allgemeinen Wehklagen etwas untergeht. Zunächst haben die Wohlfahrtsverbände und betroffenen Einrichtungen darüber geklagt, dass sie bei der für Januar 2011 angekündigten Verkürzung des Zivildienstes von neun auf sechs Monate kaum mehr in der Lage sein werden, ihre Aufgaben zu bewältigen.
Bereits kurz nach Bekanntgabe der Pläne hat Wolfgang Hinz-Rommel, zuständig für Freiwilliges Engagement und Zivildienst beim Diakonischen Werk Württemberg, vor gravierenden Einschnitten gewarnt. Er frage sich, ob den betreuten Menschen in sozialen Einrichtungen häufig wechselnde Bezugspersonen überhaupt zugemutet werden können und wies darauf hin, dass die praktische Umsetzung eines sinnvollen Dienstes in diesen Bereichen, in denen eine sorgfältige Einarbeitung notwendig und unverzichtbar ist, wesentlich erschwert werde. Solche Bedenken können Karl-Heinz Mangold und Brigitte Geckeler, die die Einsätze im Landheim Buttenhausen koordiniert, nur unterstreichen. Die Rahmenbedingungen hätten sich bereits 2004 mit einer Verkürzung des Zivildienstes verschlechtert, auch sei es heute einfacher, durch das Raster zu fallen, sprich in Tauglichkeitsstufe 3 zu kommen oder ab einem gewissen Alter (23 Jahre), ganz aus der Verlosung zu sein. Die Zahl der Bewerber ging jedenfalls merklich zurück. Nur knapp die Hälfte der insgesamt 12 Stellen sind derzeit besetzt.
Keine ausgeschöpften Kapazitäten, dafür volle Leistung. Wer den fünf jungen Männern zuhört, gewinnt den Eindruck, dass der Zivildienst nicht als lästige Pflicht erlebt wird. Fabian Tress (20) aus Ehestetten: "Mir hat es viel gebracht. Man sieht behinderte Menschen ganz anders und lernt damit umzugehen. " Diese neue Sichtweise will er nicht missen. "Klar, das bringt einen persönlich weiter." Seit sechs Monaten ist Fabian Tress in der Haustechnik eingesetzt, sein Freund Simon Zehentbauer (21) aus Auingen ist Zivi in der Werkstatt für Behinderte. Beide haben am Gymnasium Münsingen das Abitur abgelegt (Zehentbauer nach einem Auslandsschuljahr in Kalifornien) und wollen Volkswirtschaftslehre studieren. Die jetzige Regelung mit neun Monaten Dienst finden sie besser. Auch im Hinblick auf die Bewohner.
Die Frage "Wie lange bist Du noch da?" tauche relativ häufig auf, ziehe man die Zeit für Lehrgänge und 20 Tage Urlaub ab, bleibe bei einem halben Jahr nicht mehr allzu viel übrig. Auch Simon Schildge (20) aus Hayingen steht zu seinem Job in einer betreuten Wohngruppe und sieht darin mehr Bereicherung als Belastung. Im Oktober peilt er ein Studium ("Sport und Ernährung") an, will aber vorher Amerika bereisen. Vielleicht zusammen mit Sebastian Braun (20) aus Münsingen, der ebenfalls seit sieben Monaten seinen Zivildienst absolviert, in der Hausmeisterei eingesetzt wird und Maschinenbau als Studienwunsch angibt. In der gleichen Abteilung wird sich Daniel Siegler (23) aus Apfelstetten, der erst vor wenigen Tagen mit seinem Zivildienst begonnen hat, nützlich machen. Er ist Industriemechaniker und wurde wegen der Ausbildung zurückgestellt. Auch ihn scheint es kaum zu stören, dass er diese Zwangspause einlegen muss. "Später will ich mich beruflich weiterbilden."
Karl-Heinz Mangold und Brigitte Geckeler fürchten die Konsequenzen der geplanten Kürzungen für de Einrichtung im Lautertal. "Für uns kommt es fast einer K.O-Regelung gleich." Stellen, die viel Einarbeitungszeit verlangen, könnten nicht mehr besetzt werden. Besonders im kommenden Frühjahr seien große Lücken zu erwarten. Ob die Einbrüche durch Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr oder durch Mini-Jobber kompensiert werden können, sei fraglich.
Indessen hat der evangelische Landesbischof in Württemberg, Frank Otfried July, die wichtige Funktion des Zivildienstes für die soziale Entwicklung und Berufsfindung von jungen Männern betont. Eine Verkürzung hätte spürbare Konsequenzen für diakonische Einrichtungen. Wegen der Proteste haben sich Unionspolitiker dafür ausgesprochen, den Zivildienst doch noch zu stärken. So sollen die Einsätze auf freiwilliger Basis um bis zu sechs Monate verlängert werden. Die Bezahlung soll sich am Pflichtzivildienst orientieren. Die FDP lehnt diese Pläne ab und favorisiert eine eigenständige Form von Freiwilligendienst. Die Koalition ist von einer Einigung weit entfernt.
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Autor: GUDRUN GROSSMANN | 16.03.2010
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"Zivildienst ist keine verlorene Zeit" - dieser Meinung sind Sebastian Braun, Fabian Tress, Daniel Siegler, Simon Zehentbauer und Simon Schildge, die im Landheim in der Betreuung, in der Werkstatt und Haustechnik eingesetzt sind. Foto: Gudrun Grossmann
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