Bildhauer Grünwaldist gestorben

Boris Grünwald, der Bildhauer des Buttenhauser Mahnmals auf dem Platz der ehemaligen Synagoge, ist gestorben. Er wurde gestern in Bonlanden beerdigt. Der Gedenkstein war 1966 enthüllt worden.

Buttenhausen. Der jüdische Bildhauer Boris Grünwald, der erst kürzlich seinen 80. Geburtstag feiern konnte, ist vergangene Woche in Filderstadt gestorben. Über seinen Lebensweg und sein künstlerisches Schaffen berichtete Grünwald im Jahr 2008 als Gast der Wilhelm Zimmermann-Gedenkstätte und ein Jahr später in Verbindung mit einem Buttenhauser Rundgang. 1933 in Belgrad geboren, verlor der junge Boris Grünwald die Eltern in der Zeit der Naziherrschaft, überlebte nur dank der Hilfe mutiger Menschen, die ihn versteckten. Mit 20 Jahren emigrierte er nach Australien, später in die USA und nach Israel. Von 1962 bis 1969 studierte er Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart, war Meisterschüler in der Klasse des Kunstprofessors Rudolf Hoflehner (Träger des 1. Jerg-Ratgeb-Preises). In dieser Zeit schuf Boris Grünwald das Mahnmal auf dem Platz der 1938 von den Nazis niedergebrannten Buttenhauser Synagoge. Der Gedenkstein ist 1966 in Anwesenheit des aus Buttenhausen stammenden jüdischen Musikprofessors Karl Adler enthüllt worden. Durch seine jüdische Herkunft und das Schicksal seiner gesamten Familie sei er persönlich und geschichtlich mit allen Juden verbunden, äußerte Grünwald im Gespräch, auch mit den Buttenhauser Juden und deren Schicksal. Verständnis und Mitgefühl hätten ihm die Kraft und Entschlossenheit gegeben, diese gestalterisch schwierige Aufgabe anzunehmen und zu bewältigen. Der damalige Landesdenkmalpfleger Gustav Adolf Rieth schrieb in seinem Buch „KZ-Opfer-Denkmale“: „Die Vorderseite des gut proportionierten Blocks füllt eine Reliefdarstellung des siebenarmigen heiligen Leuchters.“ Ein jüdischer sakraler Gedenkstein, so Grünwald weiter, müsse für eine Synagoge unabdingbar einen Davidstern tragen, wurden doch die Juden mit diesem Symbol stigmatisiert und verfolgt. Die Menora auf der Vorderseite des Mahnmals, und die zehn Gebote auf der dem Lautertal zugewandten Rückseite verdeutlichen zudem seine Intention. Von 1969 bis 1985 arbeite Boris Grünwald in den USA, absolvierte ein weiteres Studium mit dem Abschluss „Master of Fine Arts“. Tätig war er als freischaffender Künstler und als Dozent an der Ohio State University und an der University of California. Nach der Rückkehr nach Stuttgart 1986 erhielt er einen Lehrauftrag an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste und leitete die Bronzegießerei. Über seine Griechenlandreisen, Inspiration für seine künstlerische Arbeit der letzten Jahrzehnte, notierte er im Ausstellungskatalog „Hommage à Hoflehner“: „Auseinandersetzung mit der griechischen Archaik: Selbst-Bewusstsein über Zeit und Raum. Da Mensch und Götter schicksalhaft verbunden, als Freunde. In Stein und Bronze sich selbst darstellend - mit lächelndem Antlitz in die Zukunft weisend. Mit Gedanken, Herz und Hand nach Schönheit strebend, zum Wesentlichen, zum Zeichenhaften, zum Symbol. Verlorene Welt? Vergängliche Werte? Nein, unerschütterliche Brücke zwischen Ursprung und Gegenwart. Der Mensch, verfolgt von Dionysos, dem Zerstörer, und Apollo, dem Heiler und Hoffnungsträger.“ Bei seinem Besuch in Buttenhausen vor fünf Jahren machte Boris Grünwald den Vorschlag, am Boden um das Mahnmal mit Pflastersteinen den Grundriss der ehemaligen Synagoge wieder sichtbar zu machen. Die Skizze dazu zeichnete er ins Gästebuch. Außerdem regte er an, die Erinnerungs-Steinplatte direkt an der Straße gegenüber dem Denkmal aufzustellen, dann allerdings mit einer korrigierten Inschrift: „Hier stand die Synagoge. Nationalsozialisten zerstörten sie am 10. November 1938“. Dieser Vorschlag, an dessen Realisierung der Künstler noch tatkräftig mitwirken wollte, ist nun zu seinem Vermächtnis geworden. Am gestrigen Dienstag wurde Boris Grünwald auf dem Friedhof in Bonladen beerdigt. GÜNTER RANDECKER

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

Zum Schluss

Studie: Meiste Reiche leben in ...

Weltweit gibt es immer mehr Millionäre. Auch in Deutschland steigt die Zahl der Reichen. Das geht aus einer Studie des Beratungsunternehmens Capgemini hervor. mehr

Mückenplage droht – ...

Wo kommt sie vor? Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus).

Deutschland droht eine Stechmückenplage. Der Grund: das feuchtwarme Wetter. Experten bitten darum, Mücken zu fangen und einzusenden. mehr

YouTube-Star Moritz Garth ...

Justin Bieber war der erste, der noch nicht ganz so bekannte Moritz Garth will ihm folgen. Musiker, die auf der Onlineplattform Youtube Erfolge feiern, wagen sich auch in die richtigen Charts vor. mehr