Elfenreigen und himmlische Höhen

Eine Blume will Mensch werden: Robert Schumanns Märchenoratorium "Der Rose Pilgerfahrt" wurde bei den Herbstlichen Musiktagen in der Bad Uracher Festhalle behutsam zum Leben erweckt.

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Das weibliche Wesen galt im 19. Jahrhundert als pflanzlich-naturnah. Die romantische Märchenwelt wird von Elfen und Nixen bevölkert, die sich nur durch die Liebe eines Menschen-Mannes eine Seele erwerben können.

Auch in dem von Robert Schumann 1851 bearbeiteten und als "Der Rose Pilgerfahrt" vertonten Gedicht strebt ein Blumenwesen nach menschlichem Leben und nach Liebe, die es ausgerechnet in einer Mühle findet (ein Gegenstück zu Schuberts "Müllerin"?), aber direkt nach der Geburt eines Kindes freiwillig wieder aufgibt. Dafür wird Rosa, die Rose, als Engel verklärt. A rose is a rose is a rose? Nein, hier steht sie für sich aufopfernde Weiblichkeit. Schumann hat die märchenartige biedermeierliche Dichtung auf Soli, Chor und Klavier verteilt und bewusst schlicht in volkstümliche Töne gesetzt.

Eigentlich für eine Privataufführung gedacht, gelangt das Stück eher selten ins Rampenlicht. Umso verdienstvoller, dass Florian Prey und die Seinen sich darum gekümmert und die vorzügliche Einstudierung des Motettenchors Frankfurt nach Urach geholt haben. Diese stellt der bürgerlichen "Pilgerfahrt" Schumanns "Zigeunerleben" als Andeutung von Freiheit voran, so diszipliniert wie lebhaft gestaltet.

Chorleiter Thomas Hanelt und sein bestens geschulter Motettenchor haben Schumanns Privat-Oratorium stilbewusst einstudiert. Der Text wird verständlich artikuliert, es dominieren die leisen Töne und die feinen Nuancen, Dramatik wäre fehl am Platz. Auch die Solisten beherzigen das Ideal lieblicher Unschuld, verkörpert im Blütenmädchen Rosa: Sabine Goetz gelingt mit ihrem hellen Sopran eine überzeugende Darstellung der Rose als Muster kultivierter Natürlichkeit, optisch unterstrichen durch farbig abgestimmte Kleidung. An ihrer Seite singen der Tenor Werner Güra als wortmächtiger Erzähler und gefühlvoller Försterssohn, Barbara Schmidt-Gaden als ungnädige Marthe und als romantische Seele, der Musikherbst-Leiter Florian Prey und der Bayreuth-Bass Reinhard Hagen fügen fein abgestimmte dunklere Farben hinzu. Der Moment der Entscheidung und des Abschieds bekommt viel Raum: unendlich sanft "verlöscht der Augen Frühlingslicht".

Eine wichtige Rolle spielt der Chor: Die Frauenstimmen tanzen leichtfüßig den Reigen der Elfen, der Männerchor beschwört Waldesdämmer, und am Ende heben zärtliche Engelsstimmen die Rose in himmlische Höhen empor: "Sei uns gegrüßt, liebliche Rose!" Florian Uhlig am Flügel lässt dazu nicht nur glitzernde Tautropfen perlen und die Landleute zur Hochzeit Walzer tanzen, sondern verbindet die Teile durch nahtlose Überleitungen zu einem stimmigen und stimmungsvollen Ganzen. Die Einzelstücke aus Schumanns "Kinderszenen" und "Album für die Jugend" fungierten als Überleitung zwischen den Teilen. Eine geniale Idee! Mit den sorgsam gewählten Stücken griff Uhlig Gefühle und Gedanken der "Rose" auf, als hätte Schumann es von vornherein so komponiert, und spann sie weiter. Der erste Schmerz wurde vom Klavier ausgesprochen, poetisch verdichtet und reflektiert, ebenso das Glück der Liebe, verdunkelt schon durch leise Schatten.

Das Netz der delikaten Klavier-Miniaturen verknüpfte so die Passagen der Reise zu einer poetischen Einheit im Sinne Schumanns, die stil- und geschmackvoll umgesetzt wurde. Anhaltender Beifall.

Musikherbst heute

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